Blutegel.
überträgt sich dies meistens so vollständig epidemisch auf die mit ihm in dem-selben Glashafen oder Behältniss unter denselben Umständen Lebenden, dassinnerhalb kurzer Zeit wenige von diesen übrig sind. Diese angeführten Um-stände, im Verein mit der grössten Sorglosigkeit und Unachtsamkeit, mit derman in Deutschland den Blutegel vogelfrei erklärt und ihn, eine Ausnahme vonallen andern nützliehen und werthvollen Thieren, demjenigen zur Beute gelas-sen hat, der ihn fangen wollte, sind die Ursachen gewesen, dass der Blutegel,der früher in unzählbarer Menge in Deutschland gelebt hat, jetzt so gut wieausgerottet ist. In dem Zeitraum vor ungefähr 20—30 Jahren sind unglaub-liche Mengen von Blutegeln aus Deutschland geführt worden. Von Ham-burg aus gingen damals nach England, Frankreich, Amerika oft in einemJahre 50 Millionen. Die weiten wasserreichen Ebenen Norddeutschlands,die stagnirenden Wasserflächen, Moore, Brüche, Teiche, Seen, die alsletzte Plnden die Flussgebiete der langsam durch die norddeutschen gros-sen Flächen fliessenden Weichsel, Oder, Elbe, Weser, Spree, Havel um-grenzen , sind die Wohnorte von Milliarden Blutegeln gewesen. Diesesind fast alle in der verhältnissmässig kurzen Zeit durch die Habsucht undden Unverstand der Menschen zu Grunde gegangen. Die wenigen, welchein den genannten Orten noch gefangen werden, decken nicht mehr denBedarf Deutschlands. Handelsartikel im Grossen sind deutsche Blutegelseit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Fenne, Brüche, Moore an der Elbe,Weser und Havel, die bei richtiger Pflege und Achtsamkeit heute vielleichtden gesammten Bedarf der Welt an Blutegeln und für Deutschland einengesuchten und theuren Ausfuhr- und Handelsartikel geben könnten, bergennur noch in ihren letzten unzugänglichsten Orten einige der nützlichenTMere und auch diesen lauern die überall vagabondirenden Hamburger-und Akener-Biutegelfänger auf. Preussen allein bezieht jährlich vom Aus-lände für eine halbe Million Thaler Blutegel, statt dass es heute, bei rich-tiger Aufmerksamkeit, das zehnfache ausführen könnte.
Die Orte, woher Blutegel jetzt in den Handel gelangen, sind dieFlussgebiete der in das schwarze, asowsche und caspische Meer sich er-giessenden Ströme, insbesondere die der Wolga, des Don's, des Dniepr's undder Donau. Von Bucharest, Jassy, Kamimic, Nieschin, Charkow bis vonSaratow aus wird ein sehr bedeutender Blutegelhandel betrieben. Hier ist esHirudo officinalis, während Hirudo medicinalis in den Flussgebieten derStröme, welche sich nach der Nord- und Ostsee ergiessen, heimisch ist.Andere Species der Gattung Hirudo trifft man fast über die ganze Erdeverbreitet. In Europa trifft man den Blutegel noch zwischen den 60 und65° nördlicher Breite. Ausserdem ursprünglich in den Flussgebieten allereuropäischen Ströme, in den stehenden, seichten , moorigen Gewässern , indenen immer reiches Pflanzenleben sich entfalten muss und die frei seinmüssen von Chlorverbindungen , Kalksalzen und Fäulnissprodukten. UeberEuropa hinaus wird der Blutegel in den nördlichen und nordwestlichenKüsten Africas, in Algier, Tunis, südlich in Senegambien bis dicht unterden Aequivlor gefunden. In Asien, jenseits des Aequators ist er auf denSundamseln in den Flussgebieten des Indragiri und Palembang gefundenworden und eben so soll er, zuweilen in ungeheurer Anzahl, in den Fluss-gebieten der chinesischen Ströme vorkommen.
An den meisten Orten, von denen aus die Blutegel gegenwärtig inden Handel kommen, herrschen alle die schädlichen Einflüsse, welchedie Vermehrung und Existenz derselben in Deutschland so rasch unter-drückt haben. Es werden voraussichtlich früher oder später dort diesel-ben Ergebnisse, d. i, die Vernichtung des Blutegels eintreten. Um dem