8. Zinn.
585
„diese Inseln seien Kassiteriden geheißen worden wegen ihres Reichtumsan Blei" (nämlich an „weißem").
Unter den anderen Wegen, auf denen das britannische Zinn die Mittel-meer-Küsten erreichte, sind namentlich zwei zu erwähnen. Der erste führtezur See längs der gallischen Küste bis zum Ausflusse der Garonne, strom-aufwärts bis in die Gegend von Tolosa (Toulouse) und von dort den Ab-hängen der Pyrenäen entlang an den Sinus gallicus; es ist der nämliche,dessen noch der Araber Ibk Said (1212—1274) gedenkt, wo er erwähnt,daß man das britannische Zinn auf Saumtieren aus Toulouse nach Narbonnebringe, um es dort nach Alexandria zu verschiffen 1 ), und auch der nämliche,der zu dem Glauben Anlaß gab, die Pyrenäen selbst brächten das Zinnhervor 2 ). Der zweite benützte die Niederungen und Wasserstraßen derLoire, der Seine oder des Rheins, gelangte von deren Mittel- oder Ober-läufen unter Überwindung der geringen Höhenunterschiede an die Saöneund Rhone und diesen folgend an den gallischen Meerbusen, oder, einenSeitenweg über die Alpen und das Gebiet der Tauriner einschlagend, anden ligurischen, sowie an die Mündung des Po 3 ). Der britannische Zinn-handel nach den Küsten des nördlichen Galliens und Belgiens hatte seinenMittelpunkt auf der Insel Iktis oder Viktis (jetzt Wight) 4 ); nach ihr wurde,wie noch Diodob b ) (hierin dem Timaios, gest. um 260, folgend) undPlinius 6 ) zu berichten wissen, das Zinn 6 Tagereisen weit gebracht, umdort verkauft und dann zunächst über die See und weiterhin binnen30 Tagen quer durch Gallien nach dem Sinus gallicus und der Mündungder Rhone, oder noch durch Ligurien nach jener des Po zu gehen. Ausdiesen Gegenden und vor allem aus der um 600 durch die Phokäer ge-gründeten Colonie Massalia (Massilia, Marseille) 7 ), die das Zinn aber auchvon der pyrenäischen Seite her empfing, holten griechische Schiffer schonfrühzeitig, spätestens im 5. Jahrhundert, das kostbare Metall 8 ). VonMassilia aus trat um 360 auch Pytheas die berühmte Seefahrt nach dennordwestlichen und nördlichen Küsten Europas an, die die einen alsPorschungs-, die anderen eher als Handelsreise betrachten, indem ihrHauptzweck die Erreichung der Insel Viktis und der Kassiteriden ge-wesen sei 9 ); jedenfalls betrat und beschrieb er wohl als erster unter denGriechen das blei- und zinnreiche Britannien und schilderte den Zinn-bergbau in der Nähe des Vorgebirges Belerion an der Westspitze vonCom wall 10 ). Die richtigen Kenntnisse über die Lage der Kassiteriden,die sich bei Hekataios (um 500) in letzter Linie auf phönizische oder
*) Abuleeda 2, 307.
l\ Plinius, üb. 4, cap. 20; Strabon 15, 2, 10; vgl. Gsell 36 ff.
) Berges, „Erdkunde" 102, 232, 336; Hauo, PW. la, 764; Genthe, „Über
aen etmskischen Tauschhandel nach dem N OI , den " (Heilbronn 1873) 67 ff., 92 ff., 105.Ha em,, pw 9> gg7 _ ^ ^
7 ) Ed. Meyee, „Alt." 2, 690 ff.
8 ) Berger 102, 232, 332; Speck 2, 470 ff ; 4, 377; Bapsts Annahme, diessei erst nach der Zerstörung Karthagos geschehen (12 ff., 14, 18 ff.), ist ganz un-verständlich.
9 ) Hergt, „Die Nordlandfahrt des Pytheas" (Halle 1893); Götz, „Verkehrs-wege" 4, 316.
10 ) Hübneb, PW. 3, 859ff.; Bebgeb, PW. 6, 1304ff.; „Erdkunde" 336, 361.