8. Zinn.
583
oder Tarschisch, war die Hauptniederlassung die um 1100 gegründeteStadt Gades (jetzt Cadix) 1 ), irrtümlich auch selbst als Tartessos bezeichnet;sie erfreute sich der besonders vorteilhaften Lage nächst der Mündungdes großen Stromes Baetis (Guadalquivir) und in einer Gegend, nach derschon frühzeitig und auf verschiedenen Wegen die wertvollsten Erzeugnisseder Länder von weither gebracht wurden, u. a. Edelmetalle, Kupfer undZinn. Auf dem Umstände, daß die Griechen von daher, anfänglich durchdie Phönizier 2 ), später durch die Karthager 3 ) und schließlich (etwa von700 an) auch schon durch eigene Schiffer 4 ), das Zinn empfingen, beruhtdie ganz grundlose Fabel, der Baetis setze zugleich mit seinem Sandeund neben Gold, Silber und Kupfer auch gediegenes Zinn ab, — wie ihndenn noch der Dichter Skymnos von Chios als den Fluß rühmt,„Der stromgerolltes Zinn aus KeltikaUnd Gold zugleich und Erz in Menge führt 6 )";sie geht vielleicht auch auf die Bemühung zurück, zwischen Kassiterosund dem Namen des Berges Kassios auf der Insel Erytheia im Baetis-Deltaeinen etymologischen Zusammenhang herzustellen 6 ).
Das Zinn, dem die Phönizier zu Tartessos, vermutlich in Form vonSchmuck u. dgl., zuerst begegneten, gelangte dahin zunächst wohl durchLandhandel oder Küstenschiffahrt aus Lusitanien (Portugal), Gallaecien(Provinz Gallizia) und den der nordwestlichen iberischen Küste vorge-lagerten kleinen Inseln; sodann, als deren geringe Hervorbringung derNachfrage nicht mehr genügte, aus der westlichsten Bretagne und den ihrbenachbarten Inselchen; schließlich aber, als der steigende Bedarf die Be-schaffung immer bedeutenderer Mengen erforderte, aus Britannien. (Späte-stens vom letzteren Zeitpunkte ab schlug jedoch der Zinnhandel auf galli-schem Boden* auch noch andere Wege ein, auf die weiter unten zurück-zukommen sein wird.) Der Herkunft des kostbaren Metalles nachspürenddehnten demgemäß die Phönizier und später auch die Karthager denUmfang ihrer Seefahrten immer weiter aus, sie erkundeten die ozeanischenKüsten der iberischen Halbinsel, erforschten allmählich jene Galliens underreichten zuletzt auch die Britanniens, des eigentlichen Vaterlandes undeinzigen Massenerzeugers des Zinns 7 ). Über dessen stets nur spärlicheGewinnung bei den Artabrern im nördlichen Lusitanien sowie in Callaecienist nichts Näheres überliefert, weder bei Poseidonios, der zuerst denNamen KaMeyia, Kalaixia (Callaecia, Gallaecia, Gallicia ...) erwähnt 8 ),noch bei Diodor b ), noch bei Plinitjs 10 ); die vorgelagerten Inseln, d. s.die 10 oder 11 kleinen Eilande an der Küste von Pontevedra zwischenCap Folceixo und Silleiro, mögen ehemals ein wenig Zinn hervorgebracht
l ) Schulten, PW. 8, 2032. «) Hübneh, PW. 3, 859 ff. 3 ) Speck 3, 157.*) JiD. Meyeb, „Alt." 2, 690 ff.
) Voss, „Mythologische Briefe" (Stuttgart 1827) 2, 174: Kaaahegov noxa-Iioqqvvov. •) Hübner, PW. 2, 2763; Ed. Meyeb „Alt." 2, 690ff.
) Ed. Meyeb, „Alt." 2, 142ff. ; Götz, , Die Verkehrswege des Welthandels"(Stuttgart 1888) 109ff., 348, 352; 267, 269, 290; Bapst 12ff.; Speck 1, 483, 505.8 ) Beroee, „Geschichte der wissenschaftlichen Erdkunde der Griechen"(Leipzig 1903) 559; Hübneb, PW. 3, 1355. ») lib. 5, cap. 38.10 ) lib. 4, cap. 122; lib. 34, cap. 95 und 116.