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6. Abschnitt (Anhang): Zur älteren Geschichte der Metalle.
Zinn heißt nämlich irisch cred und im keltischen ystaen, sten, staen (woherdas spätlateinische stagnum und stannum rührt) 1 ), und der verführerische,von vielen Forschern betonte Anklang an keltische Eigennamen, wieCassignatos, Cassiovelatjnus, Vidtjcassis usf. ist ein rein zufälliger,da „cassis" in diesen Worten „gelockt" bedeutet 2 ).
Entgegen den von manchen Seiten erhobenen Bedenken kann eskeinem Zweifel unterliegen, daß das bei Homer zuerst in der griechischenLitteratur auftauchende xaaoasQog Zinn bedeutet, und daß das archaische,in der „Ilias" geschilderte Zeitalter, — auch wenn die uns vorliegendeletzte Redaktion des Gedichtes bis in das 8. oder 7. Jahrhundert herab-reicht 3 ) —, tatsächlich das Zinn bei der Ausstattung und Verzierung vonWaffen und Geräten so anwandte, wie dies Homer angibt 4 ); zuzugestehenist dabei, daß z. B. „zinnerne" Beinschienen nicht die Widerstandskraftbesitzen könnten, die er ihnen zuschreibt, daß er also entweder die Eigen-schaften des Metalles nicht näher kannte 6 ), oder sich, da er nicht alsTechnologe, sondern als Dichter schrieb, eines nicht wörtlich zu nehmendenAusdruckes bediente, so wie wir etwa von einem mit Diamanten ver-zierten Diadem als einem „diamantenen" sprechen, ohne damit sagenzu wollen, daß es in seiner Gänze aus Diamant bestehe. In ähnlicher Weisewie Homer erwähnt auch Hesiod das Zinn in dem angeblich gegen 700verfaßten Gedichte vom „Schilde des Herakles" 6 ); eine schon sehrfrühzeitige Benützung zinnerner Gerätschaften und Instrumente in derMedizin beweisen die zahlreichen Anführungen in den sog. Schriften des
HlPPOKRATES 7 ).
Daß das Zinn aus den entlegensten Gegenden Europas komme,seheint zuerst der Geschichtschreiber Hekataios von Melet (um 500)als etwas zu seiner Zeit längst Wohlbekanntes ausgesprochen zu haben,und nennt als Heimat des Metalles die kassiteikuschen Inseln oder Kassi-teriden 8 ), an deren Namen und Lage sich eine ganze Litteratur knüpft,die hier nur einigen Hauptpunkten nach besprochen werden kann 9 ).
Nach dem Osten gelangte, wie schon mehrfach angedeutet, das west-europäische Zinn zuerst durch die Phönizier, deren West-Verkehr im 16. Jahr-hundert schon völlig entwickelt war, wenngleich er sich lange Zeit nurauf Vermittlung des Handels beschränkte; eigene größere Niederlagenentstanden erst allmählich wie in Cypern und Kreta so auch in Unter-italien und Nordafrika, ferner auf den Mittelmeer-Inseln und an den Süd-küsten Spaniens 10 ). Daselbst, in der südwestlichen Landschaft Tartessos
!) Schrader, „R. L." 990; „Urg." 91 ff.
*) Mitteilung von f Geh.-Rat Prof. H. Suchier. 3) Mülder, PW. 9, 1042.
4) „Ilias" 11, Vers 25, 34; 18, V. 474, 565, 574, 613; 20, V. 171; 21, V. 592;23, V. 503, 561. 6 ) Blümner 4, 53, 83.
6 ) Vers 208; s. auch „Theogonie", Vers 852.
') üb. Fuchs 2, 428, 439, 450, 451; 3, 309, 362, 443, 633; an einer Stelle istauch von „Zinn oder Blei" die Bede (3, 633).
8 ) Ed. Meyer, „Alt." 2, 759.
9 ) Über verschiedene bis in die Neuzeit fortdauernde Irrtümer und allerleiabsonderliche Hypothesen vgl. Humboldt, „Kritische Untersuchungen ..." (Berlin1852) 1, 128 ff.
10 ) Ed. Meyer, „Alt." 2, 142 ff.; Speck 1, 94 ff., 103 ff., 463.