5. Bronze.
569
Deutschland, wo im 9. Jahrhundert Kirchenglocken schon allgemein ge-bräuchlich wurden und Glockengießer u. a. in Aachen urkundlich nach-gewiesen sind 1 ), der Name Bronze erst spät auftaucht; er fehlt z. B. inden zahlreichen von Schlosser gesammelten Dokumenten frühmittel-alterlicher Kunst 2 ), sowie bei Theophiltjs Presbyter., der um 1100, undangeblich in Deutschland, in seiner „Schedula diversarum artium" (Ver-zeichnis verschiedener Künste oder Kunstgriffe) auch ausführliche Vor-schriften über Glockenguß bringt 3 ), die er jedoch zum Teil unzureichendwiedergegeben oder auch selbst nicht richtig auf gefaßt hat 4 ). Eine genaueund zutreffende Beschreibung findet sich auffälligerweise erst 1540 in der„Pirotecnia" des Biringtjcci 5 ), der aber wieder vielfach aus deutschenQuellen geschöpft zu haben scheint.
Nach der Lehre der katholischen Kirche, wie sie im Abschnitte „Debenedictione Signi vel Carnpanae" (Über das Weihen, des Signum oder derCampana) des „Pontificale romanum" niedergelegt ist, besitzt die Glocke,das „vasculum ad invitandos filios sanetae Ecclesiae", das „Gefäß, dasdie Kinder der heiligen Kirche zusammenruft", die Kraft, böse Geisterund Gespenster aller Art zu verscheuchen, Unwetter und Stürme hinwegzu treiben, Blitz- und Donnerschläge abzuwenden 6 ). Diese Anschauungensind ein Erbteil der Antike. Allgemein war in ihr der Glaube, den dieGlöckchen, Cymbeln, Erzbecken und Sistren der Priester, Hierophanten,Schwärmer und Mysten bezeugen, daß der Klang des angeschlagenen Erzesals der einer Götterstimme anzusehen sei, daher reinige und sühne, Be-schwörungen und Zauber breche, Dämonen und böse Geister banne 7 ).Auf ihn gründete sich die Überzeugung der Kirche und des gesamten Mittel-alters, daß der Teufel und seine höllischen Heerscharen den Schall ge-weihter Glocken fliehen müssen, daß man sie daher durch Glockenläutenvertreiben könne und samt ihnen, durch „Wetterläuten", auch die durchihre Bosheit erregten Wirbelwinde und Stürme, Nebelschwaden und Ge-witter 8 ). Ebendeshalb sollte es dem Blitze völlig unmöglich sein, in eineGlocke zu schlagen, namentlich in eine tönende 9 ); „fulgura frango" istdaher der Wahlspruch, der so recht eigentlich der Glocke geziemt, der sieals echte Erbin jenes das Blitzesfeuer löschenden Donnersteines Brontiakennzeichnet und der abermals, von wiederum anderer Seite her, die Ab-stammung der Bronze vom donnerschallenden Erze Brontesion bestätigt.
x ) Hoops 2, 262; Vogeler, in „Geschichts-Blätter" 1, 85.
2 ) Schlosser, „Schriftquellen zur Geschichte der karolingischen Kunst" (Wien1892); „Quellenbuch zur Kunstgeschichte der abendländischen Malerei" (Wien 1896).
3 ) ed. Ilg (Wien 1874) 318.
*) Feldhaus, „Technik" 465; Gesoh.-Blätter 3, 100.
6 ) Venedig 1540, 75.
) Bossi 275, 285. Aus Opposition gegen solche Vorurteile gaben die franzö-wsenen irotestanten das „Signum" zum Gottesdienst durch einen Flintenschuß!(Rabelais, a. a. O. 2, 85).
iQin> ? ^°o BE , C L 8 ^ ff - ; ßlESS> PW - l > 51 i Seligmann, „Der böse Blick" (Berlin1J10) &, Ali, 180; Zahn, „Geschichts-Blätter-" 3 337. Schon die Zauberin in der2. Idylle des Theokritos (um 260 v. Chr.) vernimmt, nach offenbar uralter Vor-stellung, die Stimme der angerufenen Göttin im „tönenden ehernen Becken" (Vers 36).Wessely, „Wiener Akad. Denksehr." 36, Z. 89. 3257.
8 ) Migne, a, a. O.l, 384; Rabelais, a. a. O. 2, 85. 9 ) Rabelais 2, 270.