7. Chemie und Alchemie in China.
Nicht anders wie Ägypten oder Babylonien, Persien oder Indien, sohatte sich zeitweise, namentlich im 18. Jahrhundert, auch China einseitigerÜberschätzung und maßloser Bewunderung seitens gewisser europäischerGelehrter zu erfreuen, die daselbst die Heimat jeglicher Kultur undWissenschaft, sowie die Entstehungsstätte aller geheimen Weisheit auf?gefunden zu haben vermeinten; so sollten die Chinesen auch seit jeherGroßes in der Naturwissenschaft geleistet und u. a. schon vor Jahr-tausenden eingehende Kenntnis der Chemie und Alchemie besessen unddiese letztere in nahe Verbindung mit der Astronomie und der Planeten-Verehrung gebracht haben, — wie dies alles durch unzählige Zeugnisseeiner uralten Litteratur unwiderleglich bewiesen werde. Sämtliche Voraus-setzungen solcher Art haben indessen einer näheren Prüfung nicht stand-zuhalten vermocht.
Zunächst ist daran festzuhalten, daß die chronologisch beglaubigteGeschichte Chinas erst mit dem Jahre 841 v. Chr. beginnt 1 ), und daß auchin den ältesten kanonischen Schriften, die Conftjcitjs (Kung-fu-tze =Kttng der Meister, 551—478) abgefaßt haben soll 2 ), alle über diese Grenzehinausgehenden Angaben auf Mythe und Phantasie beruhen. Von denechten alten Schriften fand ferner ein sehr großer Teil im Jahre 213 v. Chr.seinen Untergang, als der Kaiser Schi-hoang-ti zwecks wirksamer Be-kämpfung der Neuerer alle ihm erreichbaren Bücher verbrennen ließ,mit Ausnahme derer über Ackerbau, Baumzucht, Wahrsagerei, Medizinund Pharmazie 3 ). Zur Zeit der Han-Dynastie (205 v. Chr. bis 220 n. Chr.),die bald darauf das Zerstörte nach Möglichkeit wieder herzustellen suchteund für die Herbeischaffung alles der Vernichtung Entgangenen hoheBelohnungen gewährte, entwickelte sich dann die Fälschung zu einemebenso ausgebreiteten wie einträglichen Gewerbe 4 ), und obwohl man siedurch vorbeugende Maßregeln einzuschränken suchte 6 ), wurde doch dieZahl teils bewußt untergeschobener, teils aus wahren und angeblichenBruchstücken wieder zusammengesetzter, teils durch nachträgliche Er-gänzungen und Zusätze nach Belieben erweiterter Werke alsbald fast un-übersehbar 6 ). Weil aber der von den Han-Kaisern hochgehaltene Grund-satz der „Rückkehr zur ruhmreichen Vergangenheit" auch für die ganzefernere Gestaltung der Litteratur maßgebend blieb, entfaltete sich seitherdie für den chinesischen Geist so bezeichnende und ihm offenbar ganzbesonders zusagende Tätigkeit der Sammler, Herausgeber, Erldärer undKommentatoren 7 ): in endloser, seit über anderthalb Jahrtausenden niemalsabreißender Reihe fügten sie ein Glied der Kette an das andere und schufenihre immer dickleibiger und vielbändiger werdenden Zusammenstellungenund Enzyklopädien, stets erfüllt von Fleiß und vom Bestreben, alles sovollständig wie tunlich zu bringen und es als so alt wie möglich hinzustellen,dagegen meist gänzlich unbeirrt von Wahrheitsliebe, Gewissenhaftigkeit
l ) Grube, „Geschichte der chinesischen Litteratur" (Leipzig 1909) 2.J ) ebd. 16. 3 ) ebd. 29, 200. ") ebd. 30, 184. 6 ) ebd. 114.«) ebd. 39, 74. ') ebd. 186 ff.
v. Lippmann, Alchemie. 29