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570. Veratrum älbum L. (= Helleborus albus Güldenstaedt, = Melänthium älbum
Thunb.). Weisser Germer. Franz.: Varaire blanc, Veratre blanc, Hellebore blanc: ital.:
Elabro bianco, Veladro. Taf. 58, Fig. 2, Fig. 316 und 317.
Der Name Germer findet sich bereits im Althochdeutschen als germarrun, germära. In der Schweizist dieses Wort oft entstellt wie zu Germele, Gerb er e, Görbela, Görbala, Geermäder, Germägä.In der bayrisch-österreichischen Mundart sind die Bezeichnungen Hemmer (Niederösterreich), Hammer(Kärnten), Hemmern (Kärnten, Tirol), Harnmerwurz gebräuchlich. Teilweise sind diese Bezeichnungen an„Hemd" (vielleicht wegen der Verwendung gegen Ungeziefer, vgl. „Lauskraut") angelehnt: Hemad, Hemat'n(Alpenländer), Hematwurzen (Berchtesgaden), Hematwurz'n (Niederösterreich). Im Slavischen finden sichdiese Benennungen als Tschemera, Tschemeriza (russisch), denen die in Kärnten vorkommenden Namen fürden Germer Tschamarika, Tschemer, Zernmer noch sehr nahe stehen. Der Absud der Wurzel wird gegenLäuse und Küchenschaben verwendet, daher: Lauskraut (Oesterreich, Tirol, Schwaben), Lauswurz (Allgäu),Lusworza (Schweiz: St. Gallen); Schwab'nwurz (Niederösterreich), Chäferworzel [Chäfer == Blatta](St. Gallen). Da die Pflanze in ihrem Gebrauche manches mit der Niesswurz (Helleborus niger, siehedort!) gemeinsam hat, wird sie auch Christ worz el, Niessworz (St. Gallen), Gillwurz (OberösterreichySteiermark), Frengelwurz, Schwinewörzel (= Schweinewurzel) genannt. Im Riesengebirge existieren dieBezeichnungen Oldocke, Wendedocken. Im romanischen Graubünden heisst der Germer Tuzchüls,Malom, Risch malam (Engadin), malöm salvatg (Heinzenberg); Veladru [von Veratrum!] (Puschlav);im Dialekt des Tessin Valeder (Fusio), Valladrung.
Ausdauernd, 50 bis 150 cm hoch. Stengel kräftig, aufrecht, beblättert, dicht be-haart (besonders oberwärts). Blätter unterseits flaumig-filzig, oberseits kahl, tief längsgefaltet,die untern elliptisch bis breit-elliptisch, die obern lanzettlich. Blüten-stand eine endständige, 30 bis 60 cm lange, aus ährenartigenTrauben zusammengesetzte Rispe mit breit-eiförmigen Hoch-blättern, + behaart, nur im obersten Teile ährenförmig. Blüten ziem-lich gross (0,8 bis 1,5 cm im Durchmesser), weiss oder gelb-lichgrün bis grünlich, die untern zwitterig, die obern meist männ-lich (Fig. 316a), gestielt (Stiel 1 /t bis 1 ja so lang als die Perigon-blätter). Perigonblätter länglich-elliptisch bis verkehrt-eiförmig,beiderseits verschmälert, am Rande kahl oder behaart, gegen dieSpitze zu oft fransig-gesägt. Staubbeutel mit einer Querspaltezweiklappig aufspringend (Fig. 316b bis d). Kapsel 10 bis 15 mmlang, zerstreut behaart, in eine hackige oder bogige Spitze ver-schmälert (Fig. 316e). — VI bis VIII.
Häufig auf feuchten Wiesen, quelligen Berglehnen, aufLägerstellen des Viehes, Karfluren, auf Flachmooren, auf lichtenWaldstellen, selten in Erlengebüschen; besonders in der Berg-und alpinen Region der Gebirge.
Allgemeine Verbreitung: Pyrenäen, Alpen, Mittelgebirge, Karpaten, Gebirgevon Südeuropa, Polen, Finnland, Russland, Sibirien bis Kamtschatka, Altai, Japan, Arktis(zirkumpolar).
Aendert ab: var. typicum Beck (= var. albicans Gaud.). Perigonblätter innen weiss, aussengrünlich. — var. Lobeliänum Bernh. Perigonblätter beiderseits grünlich, gelblichgrün bis trübgrünlich(Ebenso häufig wie der Typus: oft beide Formen zusammen, zuweilen aber über grössere Strecken die eine Formallein vorkommend). — var. spathulätum Beck. Perigonblätter verkehrt-eiförmig oder spateiförmig, vorn meistabgerundet. Blüten grünlich (Selten). — Diese sehr stattliche Pflanze, die im nichtblühenden Zustand leichtmit Gentiana lutea (Blätter dort gegenständig und unterseits kahl) oder Epipactis verwechselt werden kann, ge-hört zu den Charakterpflanzen der subalpinen Weiden und Mähewiesen und ist in den Alpen von ca. 700(seltener schon bei 420 m) bis über 2000 m (höchstes Vorkommen : Valentinalpe in Kärnten [nach Keller], 2135 m;Pordoijoch in Südtirol, 2200 m; Murascio im Puschlav [Graubünden], 2630 m). Ausser den Alpen erscheint derGermer im Jura, auf den Vogesen (Elsässer Belchen), in Baden (einzig Messkirch und Emmingen; fehlt imSchwarzwald gänzlich), in Württemberg (Oberland; Granheim und Frankenhofen in der schwäbischen Alb),
Fig. 316. Veratrum album L,a Männliche Blüte, b Perigonblattmit Staubblatt, c und d Staubbeutel(quer aufspringend). * Fruchtkapsel./ Same (von aussen), g Querschnittdurch den Samen.