Druckschrift 
2. Monocotyledones 2 (1907)
Entstehung
Seite
194
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

194

im obern Teil der bayrischen Hochebene (fehlt im Bayerischen Wald), in den Sudeten (inkl. Lausitzer Gebirge)und in der oberschlesisch-polnischen Ebene. Zuweilen erscheint der Germer in der Tiefe nur sehr sporadisch;es handelt sich dann z. T. um Reliktstandorte (z. B. Kreuzbergl bei Klagenfurt, 500 m) oder aber um sekundäre, herab-geschwemmte Vorkomnisse (Vionnaz amGenfersee, 500 m). In den Alpen ist derGermer vor allem auf den Weiden (Fig. 317)und fetten Mähewiesen, wo er dem Sennenals ein giftiges, platzraubendes Unkrautverhasst ist, stark verbreitet. Als Begleit-pllanzen erscheinen hier meistens Adeno-styles albifrons, Geranium silvaticum,Meum mutellina, Coeloglossum viride,Polygonum viviparum, Ranunculus aconiti-folius, Gentiana-Arten (G. lutea, excisa,Bavarica) etc. Ebenso gehört er zu denCharakterpflanzen der voralpinen Flach-moore, wo er (bei ca. 700 m) mit Trollius,Swertia perennis, Molinia, Pedicularispalustris, Sanguisorba officinalis, Aconi-tum napellus, Eriophorum polystachyon,Rhynchospora alba, Eriophorum alpinum,mit verschiedenen Carices, Herminium mo-norchis, Gentiana pneumonanthe undasclepiadea, Drosera Anglica und rotundi-folia, Inula salicina, Lysimachia thyrsi-flora, Parnassia, Polygonum bistorta(stammt aus der Futterwiese), Menyanthes,Lotus uliginosus, Galium palustre unduliginosum, Valeriana officinalis, Cirsiumoleraceum und palustre, Centaurea jacea, Vicia cracca, Orchis-Arten etc. vergesellschaftet ist. Im Gebirgekommt er besonders gern in der Karflurformation (oder Hochstaudenwiesen), sowie im Pinus montana-Gürtel vor.Da der Germer stark (besonders in der Jugend) giftig ist, wird er auf der Weide vom Grossvieh stets unberührtgelassen. Kälber, Schafe und Ziegen, welche das Kraut noch nicht kennen, bekommen nach dem Genuss Ver-dauungsstörungen (Durchfall, Kolik, Blähung) und gehen, wenn sie sich nicht erbrechen können, zugrunde (nachStebler-Schröter). Deshalb wird die Pflanze vielerorts durch Ausgraben, Ausreissen oder frühzeitiges Abmähenauf der Weide entfernt. Am wenigsten empfindlich scheinen die Pferde zu sein. Ausserdem saugt der Germerden Boden stark aus und ist durch seine starke Beschattung dem Graswuchs sehr schädlich. Der Wurzelstockliefert die offizinelle Droge Rhizoma Veratri oder Radix Hellebori albi (Pharm. Germ., Austr., Helv.). Dieseschmeckt anhaltend scharf und bitter; sie enthält verschiedene Alkaloi'de (Jervin, Pseudojervin, Rubijervin,Veratralbin, Veratroidin, Protoveratrin, Protoveratridin), das bittere Glycosid Veratramarin, ferner Chelidonsäure,Stärke, Zucker, Harz, jedoch kein Veratrin (dieses findet sich in den Semen Sabadillae). Wenn die Sonnescheint, verbreiten die Blüten einen betäubenden Geruch. Die Blüten sind proterandrisch. Nektar wird vondem verdickten Grunde der Perigonblätter abgesondert. Die Blüten werden von Fliegen, Schlupfwespen undFaltern besucht. Eine grössere Zahl von Exemplaren bleibt auf der Weide fast immer unfruchtbar.

CXXXXIX. BlllbocÖdium 1 ) L. Lichtblume.

Zu dieser Gattung gehört einzig das südeuropäische B. vernum.

571. Bulbocodium vernum L. (= Colchicum Bulbocödium Ker-Gawl.). Frühlings-Lichtblume. Ital.: Fulso Colchico. Fig. 318.Ausdauernd, 8 bis 15 cm hoch. Knolle mit braunen oder braunschwarzen Häutenbesetzt. Blätter grundständig, schmal, zungenförmig-lanzettlich, stumpf, an der Spitzekappenförmig eingezogen, bis 20 cm lang und bis über 15 mm breit, aufrecht oder über-gebogen, im Frühjahr gleichzeitig mit den Blüten erscheinend. Blüten meist einzeln (selten

*) Griech. ßoXßög [bolbös] = Zwiebel und xddiov [ködion], Deminutiv von xäag [kdas] = Fell, Vliess,nach der Umhüllung der Zwiebel.

Fig. 317. Voralpine Wiese mit Veratrum album L. auf dem Sekkauer Zinken

(Nordsteiermark). Phot. G. Kraskovits (Photographie aus dem Botan.

Institut der Universität Wien).