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Die Elemente der Entwicklungslehre des Menschen und der Wirbeltiere : Anleitung und Repetitorium für Studierende und Ärzte
Entstehung
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Erstes Kapitel.

die Staubfäden und die gefärbten Kelchblätter eingehüllt werden, wiediese Teile im Verborgenen wachsen und sich dann plötzlich zur Blüteentfalten, so sollten, meinte man, auch in der Tierentwicklung die be-reits vorhandenen, aber unendlich kleinen und durchsichtigen Organewachsen, sich allmählich enthüllen und unserem Auge erkennbar werden.Auch die Entstehung eines Schmetterlings aus der Puppe pflegte manzum Beweis heranzuziehen.

In der Geschichte der Wissenschaften wurde die eben skizzierteAuffassung vom Wesen des Entwicklungsprozesses als die Theorie derEv olution oder der Entfaltung bezeichnet. In den letzten Dezennienist hierfür der Name ,,Präformationstheorie'" mehr in Aufnahmegekommen. Denn im Gegensatz zu dem, was wir jetzt vom Entwick-lungsprozeß kennen gelernt haben, ist ja das Eigentümliche der altenLehre die Annahme, daß im Keim schon alle späteren Organe und Be-standteile von Anfang an in ihrem späteren Zustand vorgebildet oderpräformiert sind. Das Neuentstehen oder Werden ursprünglich nichtvorhandener Organe, was wir jetzt mit dem Begriff der Entwicklungeines Organismus als etwas Selbstverständliches verbinden, wurde vonden Anhängern der Präformationstheorie geleugnet.Es gibt keinWerden", heißt es in den Elementen der Physiologie von Haller.KeinTeil im Tierkörper ist vor dem anderen gemacht worden, und alle sindzugleich erschaffen." Die alten Naturforscher wollten bei ihrer Auf-fassung der Entwicklungslehre gerade das nicht anerkennen, was unsbei diesem Studium am meisten anzieht und interessiert, das Entsteheneiner komplizierteren Organisation aus einer einfacheren, die Umwand-lungen oder Metamorphosen, denen die Organe, indem sie sich kompli-zieren, nach bestimmten, feststehenden Entwicklungsgesetzen unter-liegen.

Es ist das unsterbliche Verdienst von Caspar Fri edrich t Wolff ,.das Dogmatische und Irrige in der Präf ormitionstheorie zuerst schärfangegriffen und den Grund für den großartigen Aufschwung, welchendie Entwicklungslehre seit einem Jahrhundert genommen hat, gelegt zuhaben. Noch ein jugendlicher Forscher, stellte Wolff in seiner Doktor-dissertation JJJÜL der Theorie der Präformation die Theorie der Epi-genesis entgegen, welche, eine Zeitlang von den ersten Autoritätenheftig befehdet, sieh in unserem Jahrhundert die allgemeine Anerkennungdurch die Wucht der Tatsachen errungen hat. Nach der Theorie He rEpigenesis ist der Keim eine einfache, noch nicht aus Organen zusammen-gesetzte Substanz, welche sich erst im Laufe des Entwicklungsprozessesvermöge der ihr eigentümlichen Kräfte (Nisus formativus) nach und nachorganisiert und vom Einfacheren zum Komplizierteren umwandelt.

Ihre Hauptstütze hat die Theorie der Epigenesis in unserem Jahr-hundert durch die Zellenlehre erhalten, welche, ebenso wie für die Ana-tomie und Physiologie, auch für die Entwicklungslehre ein festes Funda-ment der Forschung geliefert hat. Durch sie wissen wir, daß, wie diehöheren Organismen Vereinigungen zahlreicher Zellen, ebenso auch dieKeime neuer Organismen nichts anderes als Zellen sind, welche sich zugewissen Zeiten aus dem Verbände mit den übrigen loslösen, selbst-ständig werden und unter geeigneten Bedingungen wieder zum Ausgangs-punkt für einen neuen, vielzelligen Organismus ihrer Art werden. Daherkönnen Ei und Samenfaden selbstverständlicherweise nicht den Baudes Organismus haben, von welchem sie sich als selbständig werdendeElementarteile ablösen, weil dieser ja aus vielen Zellen zusammengesetzt

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