Erster Hauptteil
Die Anfangsprozesse der Entwicklung unddie embryonalen Eihüllen.
Erstes Kapitel.
Die Natur von Ei- und Samenzelle.
Im 17. und 18. Jahrhundert herrschten noch die unklarsten Vor-stellungen über das Wesen des tierischen Entwicklungsprozesses. Vonden religiösen Dogmen ihrer Zeit unwillkürlich beeinflußt, waren diebedeutendsten Anatomen und Physiologen mit wenigen Ausnahmender Ansicht, daß der Keim nur ein sehr verkleinertes Miniaturbildvom späteren ausgebildeten Zustand darstelle. Schon am Anfang derEntwicklung sollten im Ei alle Organe wie im erwachsenen Geschöpfin derselben Zahl, Lage und Verbindung, nur in einem außerordent-lich viel kleineren Zustand vorhanden sein. Da es nun aber mit denVergrößerungsgläsern, welche schon damals als Instrumente der For-schung in Gebrauch gekommen waren, nicht möglich war, die zahl-reichen vorausgesetzten Organe in dem Ei, wenn es sich zu entwickelnbeginnt, zu sehen und nachzuweisen, nahm man zu der Hypotheseseine Zuflucht, daß die einzelnen Teile, wie Nervensystem, Knochen,Drüsen usw., in den ersten Stadien der Entwicklung nicht nur außer-ordentlich klein, sondern dabei auch vollkommen durchsichtig seien.Demnach würde der Entwicklungsprozeß nichts anderes sein, als einAuswachsen des schon vorhandenen Miniaturgeschöpfes zu seinem un-endlich vergrößerten Ebenbilde, etwa in ähnlicher Weise, wie das neu-geborene Kind, bei dem ja schon alle Organe vorhanden sind, durchihre Vergrößerung heranwächst. Dabei sollten die größer werdendenfeile auch allmählich ihre Durchsichtigkeit verlieren.
Um sich den Vorgang verständlicher zu machen, wies man alserläuterndes Beispiel auf die Entstehung einer Pflanzenblüte aus ihrer-Knospe hin. Wie in einer kleinen Knospe von den grünen, noch festzusammengeschlossenen Hüllblättern doch bereits alle Blütenteile wie
O. Hertvvig, Die Elemente der Entwicklungslehre. 5. Aufl. 1