Druckschrift 
3 (1912) Dicotyledones : (I. Teil)
Entstehung
Seite
141
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

141

in den Handel. In Schwaben wird der Absud der Brennesseln in Milch als Mittel gegen Seitenstechengetrunken (Similia Similibus"; vgl. Silybum Marianum!). Mit Nesseln werden vielfach auch Gegenstände ausMetall (Kupfergeschirr) oder Glas gereinigt. Während die Nessel im frischen Zustande vom Vieh gemieden wird,liefert sie dürr ein gutes und nährstoffreiches, namentlich von Ziegen beliebtes Futter, welches den Appetitvermehren soll. In Appenzell heisst es: Wenn ein Tier nicht mehr dürre Nesseln frisst, fresse es überhauptnichts mehr (Stebler). Nesselwasser soll die Läuse vertreiben. Junge oder gedörrte Blätter dienen vielfachdem Federvieh (besonders den Gänsen) als Futter. Abgekocht können die jungen Blätter (auch von anderenArten) wie Spinat als Gemüse gegessen werden. Da sie reich an Eisen sind, können sie einen Ersatz fürSalat liefern. Diese Art vermehrt sich auch auf vegetativem Wege durch Stocksprosse. Gelegentlich tretenauch monoecische Exemplare auf (f. androgyna, monoeca Beck), d. h. solche Pflanzen, welche im oberen Teileweibliche, im mittleren gemischte und im unteren Teile männliche Blütenstände tragen. Brennhaare kommenbereits auf den Keimblättern (allerdings nur auf der Oberseite) vor (Fig. 50/h).

796. Urtica Kioviensis 1 ) Rogowitsch (= U. radicans Bolla nee Sw., = U. Bölla Kanitz,

= U. maior Kanitz var. Kioviensis Kanitz, = Pilea radicans Wedd. nee Wight, = P. Wightii

Wedd.). Russische Brennessel. Fig. 507o.

Pflanze ausdauernd, gross, stattlich (stärker als U. dioeca), in allen Teilen (auchdie Perianthblätter) kahl oder fast kahl, nur mit langen Brennhaaren zerstreut besetzt.Grundachse kriechend, ästig. Stengel aufrecht oder aufsteigend, bis 2 m hoch. Laub-blätter gross, lang zugespitzt, grob spitz-gesägt, unterseits mit gelblich-weissen Nerven.Blüten einhäusig (untere Blütenstände weiblich, obere männlich) oder zweihäusig. AeusserePerigonblätter der weiblichen Blüten 2 / 3 so lang als die 1,5 mm langen innern. VII, VIII.

Bis jetzt einzig inN^iederösterreich in den Marchsümpfen von Baumgarten bisMarchegg) beobachtet.

Allgemeine Verbreitung: Russland, Balkan, Ungarn, Niederösterreich.Diese Nessel, deren Artberechtigung schon mehrfach bestlitten wurde (sie wurde als Form vonU. dioeca angesehen!) scheint nach unserm Dafürhalten eine gute, eigene Art darzustellen.

797. Urtica urens L. (= U. minor Moench). Kleine Brennessel. Franz.: Ortiebrulante, o. grieche, petite ortie; engl.: Small nettle; ital.: Ortica. Taf. 88, Fig. 3.

Zum Unterschied von vorstehender Art heisst Urtica urens Hiddernettel, Heddernettel (nördl.Deutschland), Hiddelneddel (Schleswig), Hittnettel (Hannover), H ellernie tt el (Westfalen), zusammen-gezogen in Harnettele, Hiernettel (Braunschweig), H erni et el (Westfalen); Itternessel (Ostpreussen),Eidernäsdel, Eddernessel (Thüringen), Ätternessel (Henneberg), Aiternessel (Braunschweig: Stiege),Aeternessel (Schwäbische Alb). Alle diese Benennungen gehen zurück aufEiter" (= Gift, Geschwür,Anschwellung) nach den bei dieser Art sich ganz besonders bemerkbar machendenBrennhaaren". Auch nenntman unsere ArtLitje" [= kleine] Nedeln (Bremen), Kruse [= krause] Nettel (Hannover), Hafer-nessel, Habernessel [nach dem Vorkommen in Haferfeldern!| (Böhmerwald, Kärnten). Ob der NameDotternessel (Ostpreussen) missverstanden ist ausDonnernessel" (vgl. pag. 139)?

Einjährig, 10 bis 60 (80) cm hoch. Wurzel spindelförmig, gelblichweiss, mit Aus-nahme der Brennhaare fast unbehaart. Stengel aufrecht, 4-kantig, einfach oder ästig.Laubblätter gegenständig, kleiner als bei nr. 795, eiförmig oder elliptisch, stumpflich, ein-geschnitten gesägt, lang gestielt, oberseits dunkelgrün, glänzend. Nebenblätter frei.Männliche und weibliche Blüten an den Blütenstandästen vermengt; letztere kürzer als beinr. 795, aufrecht oder abstehend. Innere Perigonabschnitte der weiblichen Blüten meistnur mit 1 oder 2 Brennhaaren. Weibliche Blüten 1 mm lang und 0,5 mm breit. V bisXI (im Süden das ganze Jahr hindurch blühend).

Stellenweise gemein auf wüsten Plätzen, auf unbebautem Boden, an Mauern, Zäunen,Häusern, au f Kulturland, an Dorfstrassen, Wegrändern, auf Schutt, Kohlenmeilern, Gartenland,

>) Nach der Stadt Kiew in Russland bezeichnet.