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Blätter dunkelgrün, länglich-lanzettlich, die untern beiderseits kahl, die obern mit einzelnen kürzern Brennhaaren,bis über 12 cm lang (Katharinenberg bei Wunsiedel im Fichtelgebirge).
Obgleich U. dioeca in verchiedenen Formationen (Auenwälder, Uferflora, Bergwald etc.) auftritt,zeigt sie doch wie die folgende Art eine grosse Vorliebe für menschliche Wohnungen. Hier erscheint sie zu-weilen noch, wenn die betreffenden Standorte schon längst verlassen worden sind. So findet man sie nicht seltenbei Ruinen, bei ehemaligen Waldhütten, auf aufgelassenen Lagerplätzen, Schutthaufen, auf Köhlerplätzen etc.Auf den letzteren ist sie zuweilen mit Senecio süvaticus und viscosus, Rumex Acetosella, Veronica officinalis,Luzulanemoralis, Agrostis vulgaris, Deschampsia flexuosa, Rubus Idaeus,VerbascumThapsus, im nordwestdeutschen
Flachland nach Buchen au auchmit Atriplex hastatum, Digitalispurpurea, Teucrium scorodonia etc.vergesellschaftet. In den Mittel-gebirgen und in den Alpen steigtsie mit dem Dünger bis hoch indie alpine Region hinauf undsiedelt sich gern auf Gräten, Käm-men, unter Felsen etc. (Lagerplätzevon Schafen, Ziegen, Gemsen) an.Auf den Alpenmatten erscheintsie mit Vorliebe auf gedüngtenStellen (Lägerflora); andererseitsfindet man sie oft in grosser Zahl inderUmgebung von Sennhütten oderViehställen in Begleitung von an-dern hohen Stauden wie Rumex al-pinus (vgl.pag. 171 )und obtusif olius,Aconitum Napellus, Senecio al-pinus (diesefür einzelne Gegendenäusserst charakteristische Com-posite fehlt stellenweise vollständigund wird zuweilen durch SenecioFuchsii[Puschlav] oderS. alpestris[Aussee inObersteiermark]ersetzt),Mentha longifolia, Stellaria ne-morum, Epilobium trigonum etc.Aber auch auf den Geröllhaldentritt sie nicht selten (auf Urgestein) neben Rumex scutatus, Senecio viscosus und Fuchsii, Lappa-Arten, Carduusdefloratus und Personata, Allosurus crispus etc. auf.
U. dioeca spielte vor der Einführung der Baumwolle, welche gegenwärtig als „king cotton" die Weltbeherrscht, in Europa eine Rolle als Gespinstfaser. Im Mittelalter, vom 15. bis \J. Jahrhundert, wurde inDeutschland mehrfach (öfter, aber mit wenig Erfolg, auch später) versucht, die Nesselgarnindustrie einzuführen.Die festen Bastfasern setzen sich aus unregelmässig verlaufenden, zum Teil bandartigen und oft gefaltetenZellen zusammen und weisen eine Länge von (4) 25 bis 30 mm und eine Dicke von ca. 50^ auf (nach Herzog).Sie kamen als Nesselgarn in den Handel und lieferten das weisse Nesseltuch. Da der Stengel verhältnis-mässig wenig Bastfasern enthält und die Verarbeitung der Faser ziemlich umständlich ist, hat die Nesselgarn-industrie nie recht prosperieren wollen. Kürzlich gelang es nun der Wiener Firma Kreissl und Seibert einDegummierungsverfahren zu finden, welches sich für unsere beiden Brennesseln besonders gut eignen soll(vgl. „Textil", 1910 und Schwarz, Richard. Ein neuer Rohstoff der Textilindustrie [Nesselfaser]. Wien 1910).Dass die Nessel in den Kultanschauungen unserer Vorfahren eine gewisse Rolle spielte, geht schondaraus hervor, dass die jungen Pflanzen noch heute in vielen Gegenden einen Bestandteil (mit AegopodiumPodagraria, Glechoma hederacea, Petroselinum sativum, Spinacia etc.) der „Kräutersuppe" bilden, die am Grün-donnerstag gegessen wird. Auch zum Füllen von „Krapfen" und ,Kücheln" (im Elsass „Sergnesselküchlein")findet sie Verwendung. Das Fieber kann in sympathetischer Weise auf die Brennessel „gebannt" werden,wenn man eine Hand voll Salz (natürlich unter Hersagung einer Beschwörung) auf die Pflanze streut. In derVolksmedizin dient der aus den Wurzeln bereitete Absud als Mittel gegen Wassersucht, als blutreinigendesMittel, als Diuretikum und äusserlich als Haarwuchsmittel. Bei Rheumatismus schlägt man die schmerzendenKörperstellen mit Brennesseln; auch die Samen von dieser und anderen Arten kommen zu Heilzwecken zuweilen
Fig-. 508.
Urtica dioeca L., von Convolvulus sepium L. umrankt. Pbot. MaxDietrich, Apotheker in Rietschen (Ober-Lausitz).