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20. Therapeutische Standpunkte in geschichtlicher Beleuchtung.
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„Nil nocere" ist einer von den Hauptsätzen der Physiatrie. Schreitetaber der Krankheitsprozeß der Krisis entgegen, dann soll der Arzt,unter Zuhilfenahme seiner Erfahrungen über den regulären Verlaufähnlicher Krankheitsfälle, darauf achten, ob die Materia peccansauch den richtigen Weg der Ausscheidung nimmt. „Wollen dieSäfte," sagt Hippokrates, „nicht dahin gehen, wohin sie gehensollen, so muß man sie einen Umweg machen lassen oder einenSeitenweg führen, gleichwie man das Wasser eines Baches in einneues Bett leitet. Andere Male muß man sogar trachten, den Stromder Säfte zu wenden, indem man die nach unten zieht, welche nachoben streben, und nach oben diejenigen, welche nach unten streben."
Damit wird dem Arzt eine sehr verantwortliche Tätigkeit auf-erlegt. Die Krankenpflege, die Diätetik, die Hygiene und diemechanotherapeutische Behandlung haben verhältnismäßig einfacheIndikationen. Manuelle Geschicklichkeit, Übung und Geduld reichenfür die meisten Fälle aus, um offenbare Schädlichkeiten fernzu-halten und hinwegzuräumen und auf diese Weise sich in den Dienstder Naturheilkraft zu stellen. Wer aber nicht bloß der Naturheil-kraft dienen, sondern sie m e i s t e r n will, wer nicht bloß Ministernaturae, d. h. Heilgehilfe zu sein sich begnügt, sondern zum Magistermitnrae, zum Heilkünstler sich berufen glaubt, der muß ein vieleswissender und gleichzeitig ein der Grenzen seinies Wissens undKönnens sich deutlich bewußter Mann, kurz gesagt, ein Philosophim Sinne der alten Griechen sein.
Wenn wir nun zusehen, wie und in welchen Fällen Hippo-krates selbst die Naturheilkraft zu dirigieren und zu beeinflussensuchte, so ist sehr bemerkenswert, daß er seinen die Jahrtausendeüberdauernden Euf als größter Arzt erreicht hat, trotzdem ihm bloßeine außerordentlich kleine Zahl von Arzneimitteln zu Gebote stand.Die Arzneimittel waren ihm auch nicht die Hauptsache, sondern dieHauptsache war ihm die richtige Wahl der Zeit und der Umständefür die Verordnung des geeigneten Mittels.
Ich kann es mir nicht versagen, an dieser Stelle wörtlich zuzitieren, wie der Hippokratiker Sy denk am über die Heilkunstund ihre Hilfswissenschaften in seinem Briefe an C o 1 e (Über-setzung von J. Kraft. Ulm 1839, S. 82 ff.) sich ausspricht:
„Obgleich wir durch fleißiges Nachforschen die tatsächlicheWirkung und die Werkzeuge, deren sich die Natur bei ihren Unter-nehmungen bedient, ausfindig machen können, so wird uns doch dieArt und Weise, wie sie solches bewirkt, wenn ich mich nicht täusche,immer verborgen bleiben . . . und ich begreife wahrlich nicht, wiees geschehen könne, daß ein Arzt seine Lebenszeit vergeude, umsowohl sich selbst, als auch andere zu hintergehen, indem er sich aufsolche Erfindungen verlegt, die mit der Praxis durchaus nichts ge-mein haben. Denn sowie nur jener ein redlicher und guter Steuer-