Druckschrift 
A. Cloetta's Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre
Entstehung
Seite
21
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung.

21

wenn — absichtlich oder unabsichtlich — die Resorption übersprungenwird, d. h. wenn die betreffende Substanz gelöst direct in die Blutbahngelangt: bei subcutaner Anwendung z. B. einer Morphinlösung trifftzuweilen die spitze Canüle der Spritze zufällig eine Vene derart, dassdie ganze Dosis in diese und damit sofort in den Kreislauf eintritt. Insolchen Fällen beginnt erstens die Wirkung viel schneller als sonst beisubcutaner Injection: hier nach knapp einer Minute, sonst erst nachetwa sieben Minuten; zweitens entwickelt sich hier diese Wirkung un-glaublich schnell zu ihrem Maximum, so dass bei einer Dosis, die mansonst als „mittlere" bezeichnen würde, hier ein recht beängstigendplötzliches und durch eben diese Plötzlichkeit auch qualitativ gegensonst geändertes Wirkungsbild (Zusammenstürzen) sich entwickelt, undmdem endlich der Aufmarsch und der Angriff seitens sämmtlicher zurAction bestimmten Moleküle (z. B. der betreffenden Morphingabe) so-fort und im gleichen Augenblicke statthat, während das resorptive-Eindringen einer per os eingenommenen, gleichgrossen Gabe einen ganzallmählichen Ein- und Vormarsch darstellt, bei welchem die ersten"länkler schon längst aus dem Organismus eliminirt sein können, wenndie Nachzügler (die letztresorbirten Antheile der Dosis) zum Angriffegelangen, — so begreift sich die Erfahrungstatsache, dass die Wir-kung um so stärker ist, resp. dass zur Erzielung gleicher Wirkung diewabe um so kleiner sein darf, je schneller der Eintritt des Mittelsm die Säfteströmung erfolgt.

Nächst der intravenösen Beibringung bietet die Einathmung vonGasen und Dämpfen die Möglichkeit eines schnellen Eintritts vonStoffen in die Blutbahn. Vorausgesetzt, dass diese an sich leicht resor-birbar sind, d. h. die wasserfeuchte thierische Membran gut durch-dringen und vom Blute unschwer aufgenommen werden können -— wieChloroform, Stickstoffoxydul (unter den Giften: Kohlenoxyd) — bietetihnen das Lungencapillarsystem eine ungemein grosse Resorptions-hache. Dagegen ist hier — bei der gebräuchlichen Anwendungsweise,<*• h. bei Ausathmung in die Zimmerluft — die Resorption der dar-gereichten Menge keine vollständige; denn ein Theil des einge-athmeten Gases (Dampfes) wird unresorbirt wieder ausgeathmet — unddementsprechend hat die Dosirung hier ihre Besonderheiten, — worüberbei Chloroform u. s. w. das Weitere gesagt werden soll.

In Bezug auf die Vollständigkeit der Resorption ist dement-sprechend die subcutane Anwendung der Einathmungsmethode über-legen, während die Schnelligkeit der Resorption bei der subcutanenEinspritzung eine geringere ist: die Abgeschlossenheit des Raumesverhindert bei dieser auf der einen Seite jegliches Entweichen, so dass