Einleitung. 15
Nur in den wenigsten Fällen freilich können wir den Vorgang derEntgiftung chemisch genügend verfolgen: die Beobachtung, dass dieso eminent giftige Blausäure im Organismus durch Aufnahme einesAtomes S in die ungiftige Rhodanwasserstoffsäure übergeführt werdenund dass durch Darreichung Schwefel leicht abgebender Körperdie Wirkung einer mehrfach tödtlichen Dosis Blausäure aufgehobenwerden kann, bietet einen relativ einfachen Fall dar, der auch im Re-agenzglas nachgeahmt werden kann. Da auch aus Eiweisskörpern leichtgiftige Nitrile abgespalten werden können und Rhodanverbindungenein constantes Excret des menschlichen Organismus darstellen, scheint dieEntgiftung ein normaler, constanter Vorgang im Thierkörper zu sein.
Von allen Entgiftungsvorgängen, die bisher im Organismus beob-achtet worden sind, hat jedoch keiner eine solche theoretische undpraktische Bedeutung, wie die beim Studium der Infectionskrankheitenentdeckte und neuerdings eingehend studirte Immunität. Mit einerm der Geschichte der Medicin ohnegleichen dastehenden Geschwindig-keit konnten hier aus dem Fortschritte theoretischer Erkenntnisseheraus in wenigen Jahren ungeahnte, unvergleichliche Erfolge theilsschon erzielt, theils in nahe Aussicht gestellt werden.
Wie die Wirkung eines Mittels auf die verschiedenen Menscheneine verschiedene ist (Jodkali z. B. nur bei Einzelnen unangenehmenJodismus erzeugt), so zeigen sich noch grössere Differenzen, wennman verschiedene Species demselben Gift gegenüber beobachtet. Sos md Affen gegen Atropin, Salamander gegen Curare, Hunde gegenSchlangengift, Igel gegen Canthariden auffallend giftfest. Eine ähn-liche Giftfestigkeit findet sich auch bei manchen Thieren gegen dievon Bacillen abgeschiedenen Toxine, wie auch bisweilen selbst gegendie lebenden Infectionserreger. So ist der Mensch immun gegen dielebenden Infectionserreger des Rauschbrandes, ebenso wie gegen dessenanderwärts toxische Stoffwechselproducte. Während dies als angebo-rene oder natürliche Immunität zu bezeichnen ist, ist eine andereArt als künstliche oder erworbene anzusehen, welche schon längstbei den nicht recidivirenden Infectionskrankheiten (Masern, Pocken,Scharlach) erkannt worden ist. Dieser in der Natur vorkommende» organg ist in der Art oft künstlich wiederholt worden, dass eine leichte-Erkrankung absichtlich hervorgerufen wurde. Um die Erkrankunginnerhalb leichter Grade zu halten, wurden die Infectionserreger in dermannigfachsten Art durch Anwendung physikalischer, chemischer oderauch biologischer Agentien abgeschwächt. Das älteste und seit langer^eit mit durchschlagendem Erfolge angewendete Verfahren dieser Artder Immunisirung, die man als active Immunisirung zu bezeich-