2 Einleitung.
Hier hört Beobachtung, Messen, wissenschaftliches Denken auf: daher ist eine be-obachtende und inductiv schliessende, d. h. eine wissenschaftliehe Arzneimittellehreder Homöopathie unmöglich. Man identificire aber nur nicht Kleinheit der Arznei-gaben mit Homöopathie. Es gibt Stoffe, die in unvorstellbar kleinen Mengen dieheftigsten Wirkungen entfalten (z. B. Toxine); die stoffliche Menge einer Immuni-sirungseinheit im Diphtherieserum ist unvorstellbar klein, aber ihre Wirksamkeitist nachweisbar und messbar. Die Wirkungen der homöopathischen Arzneigabensind aber nicht nachweisbar, nicht messbar. Eine Wissenschaft von den nicht nach-weisbaren und nicht messbaren Wirkungen, die ihre Mittel am gesunden Organis-mus entfalten, kann die Homöopathie begreiflicherweise sich erlassen.
Die wissenschaftliche Arzneimittellehre nimmt die oft rein empirisch in Auf-nahme gekommenen Mittel (und hierzu gehören manche unserer segensreichsten,wie Chinarinde gegen Malaria, Quecksilberund Jod gegen Lues), die sie dann meistvon einer geläuterten, rationellen Empirie an Patienten klinisch geprüft und inihren Resultaten statistisch sicher gewürdigt vorfindet, zum Objecte ihrer Bearbei-tung. Zwar lässt sich über das Wie der Wirkung und über den physiologischenOrt der Einwirkung auch am Patienten einiges, wenigstens annähernd sicher er-mitteln. Aber die systematische, wirklich wissenschaftliche Ermittelung der Wir-kungsweise, zumal des Angriffspunktes, d. h. des beeinfiussten physiologischenElementarapparates, kann nur vermittelst des Versuchs gelingen. Manches lässt sichschon am gesunden, unverletzten Organismus, also auch am Menschen feststellen;meistens wird der analysirende Thierversuch nothwendig, — und so stellt sich dieexperimentelle Pharmakologie als ein Schwestergebiet der Physiologie dar. Sowird es möglich, in wirklich naturwissenschaftlicher, objectiver, messender, exacterWeise die Wirkungen der Mittel zu studiren und zu analysiren. Oft genug abergeht die Schicksalsgeschichte eines Mittels den umgekehrten Weg: ein Stoff wirderst experimentell pharmakologisch untersucht und wegen seiner physiologischenWirkungsweise einer klinischen Prüfung auf seine Brauchbarkeit unterzogen. Zu-weilen war es Zufall, der jenen Stoff in die Hände des Pharmakologen fallen liess;ein anderer Stoff wurde seiner chemischen Natur, z. B. ein synthetischer organischerStoff seiner Constitution wegen für beachtenswerth gehalten; ein ander Mal stellteman auf Grund von Analogieschlüssen erst einen Körper von bestimmter Consti-tution planmässig dar, um eine gewünschte Wirksamkeit zu erreichen, —wasmehrfach von Erfolg gekrönt worden ist.
Aber die Entscheidung, ob und unter welchen Umständen ein Mittel Arznei-mittel, Heilmittel ist, gebührt einzig der klinischen Feststellung, der rationell ge-übten Empirie.
Diese Betrachtungen führen uns auch sogleich zur Frage, welchesEintheilungsprincip bei der Bearbeitung der Materie für ein Lehrbuchder Arzneimittellehre walten soll. Es kommt hierbei wesentlich daraufan, für welchen Leserkreis das Buch geschrieben wird. Wir wollen,dass das unserige ein praktisches Lehrbuch für den die Klinik besuchen-den Mediciner, für den angehenden Arzt sei. Hierfür hat es sich alszweckmässig herausgestellt, die Arzneimittel nach den Indicationeneinzutheilen, welche der gestellten Diagnose entsprechend erfülltwerden sollen. Wenn der Kliniker sagt, in diesem oder in jenem Fallewollen wir diuretisch, abführend, antipyretisch, tonisirend u. s. w. ver-fahren, so muss der junge Mediciner ein Buch haben, in dem er nach-schlagen kann, welche Mittel und unter welchen Verhältnissen sie er-fahrungsgemäss hierfür zulässig sind. Dabei soll er soweit als nöthig