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A. Cloetta's Lehrbuch der Arzneimittellehre und Arzneiverordnungslehre
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ARZNEIMITTELLEHRE.

Einleitung.

I. Allgemeines.

W ohl wogt der Streit über den Werth sehr vieler als Arzneimittel genanntenund gerühmten Stoffe, über die Art ihrer Wirkungsweise und über ihren Angriffs-punkt im Organismus: aber geklärt hat sieh das TJrtheil über das, was wissen-schaftliche Arzneimittellehre, was wissenschaftliche Forschung und Kritik aufdiesem Gebiete zu nennen ist. Vorüber ist die Zeit, wo man aus naturphilosophi-schen Deductionen die Nützlichkeit eines Mittels bei einer bestimmten Krankheitglaubte a priori erweisen zu können. Die Empirie auf der einen, die unvoreinge-nommene, naturwissenschaftliche, experimentelle Untersuchung auf der anderenSeite und der sich anschliessende strenge Inductionsschluss sind als Erfordernisseeiner wissenschaftlichen Arzneimittellehre allgemein anerkannt.

Um so sonderbarer wirkt die Thatsache, dass die Schlagwörter „Allopathie"(Allöopathie) und „Homöopathie" immer noch die Frage offen zu lassen scheinen,ob es denn wirklich nur eine einzige wissenschaftliche Lehre gebe.

Es möge deshalb hier festgestellt werden, dass es zwar homöopathische Aerzteund ein homöopathisches Dogma oder Vorstellen gibt, nicht aber eine naturwissen-schaftliehe homöopathische Arzneimittellehre, — und dies aus dem einfachenGrunde, weil sie nicht existiren kann.

Die aller Phrasen entkleideten letzten Principien der Homöopathie sind fol-gende zwei, von denen das erste selbstverständlich richtig ist und ebenso selbst-verständlich auch von der wissenschaftlichen Arzneimittellehre, — der Allopathie —anerkannt wird, nämlich: ein Stoff kann auf eine erkrankte Stelle nur dannheilend einwirken, wenn er so beschaffen ist, dass jene Stelle von ihm überhauptbeeinflusst werden kann. Das andere Princip ist ebenso selbstverständlich wider-sinnig , unbrauchbar und nachweislich falsch, nämlich: gegen irgend ein krank-haftes Uebel ist derjenige Stoff in all erkleinsten Gaben das Heilmittel, der in grossenGaben zwar nicht gerade jenes Uebel aber ein ihm ähnliches zu erzeugen vermag.Freilich erzeugt Chinin in grossen Gaben zuweilen Schüttelfrost und Fieber undheilt die Malariakrankheit, die mit Schüttelfrost und Fieber verlaufen kann;aber es heilt auch Malarialarven, Neuralgien und kann doch keine Neuralgienverursachen; überdies bewirken Salicylsäure und Antipyrin viel öfter als ChininSchüttelfrost und Fieber und sind gegen Malariafieber ohne heilende Kraft. Wasaber die homöopathischen all erkleinsten Gaben anbetrifft, so muss Chinin, wennes heilend wirken soll, in jenen grossen, gelegentlich fiebererzeugenden Gabengegeben werden — und das wissen auch die Homöopathen und geben Chinin allo-pathisch gegen Malaria.

Aber dies sind ja praktische Fragen: im wissenschaftlichen Sinne ist unter„Wirkung" nicht die Heilkraft gegen Krankheiten, sondern der chemische Vorgangan bestimmten Zellen u. s. w. und die hierdurch bedingte Aenderung der Functiondieser Zelle u. s. w. zu verstehen. Das sind also chemische Reactionen an Stellenmit electiver chemischer Affinität für das eingebrachte Mittel. Nehmen wir nunan, eine bestimmte Gewichtsmenge eines Stoffes sei erforderlich zur Entfaltungeiner eben erkennbaren Wirkung: was kann es für einen Sinn haben, „studiren"zu wollen, welches die Wirkung millionenfacher Verminderung dieser Menge sei?

Cloetta-Filehne, Arzneimittellehre. 10. Aufl. 1