Physiologie.
141
die Kräfte zur Festigung der Pflanze liefern. Der physikalische Hergang istaber insofern abhängig von vitalen Leistungen der Pflanze, als nur das leben-dige Plasma in Verbindung mit dem Bau und den Eigenschaften der Zelledie Bedingungen dafür herzustellen vermag. Auch bei Gelegenheit andererphysikalischer Leistungen werden wir doch immer wieder die primäre undwesentliche Bedeutung der vitalen Processe kennen lernen, insofern sie essind, welche die ersteren in den Dienst des Lebens zwingen, sie heranzuziehen,auszuschliesscn und abzuändern vermögen. So kann auch die lebendePflanzenzelle ihren Turgor reguliren, erhöhen, herabsetzen, ja plötzlich ganzaufheben (vgl. Variationsbewegungen).
Die Gewebespannung. Die Festigkeit parenehymatiseher Gewebe,welche wesentlich bedingt ist durch die Turgorspannungen ihrer einzelnenZellen, wird noch erheblich verstärkt durch ähnliche Spannungen, die zwischeninneren und äusseren Gewebecomplexen, vornehmlich zwischen dem Markund dem Haut- (und äusseren Kinde-) Gewebe bestehen. Das Mark spieltin diesem höheren System gewissermaassen die Rolle des Zellsaftes, indemes an Volumen zu gewinnen strebt; das Hautgewebe dagegen gleicht in seinerWirkung der elastisch gespannten Membran der Einzelzelle, indem es vondem Markcylinder über seine eigentliche Länge elastisch ausgedehnt wird.Dieses Spannungsverhältniss wirkt natürlich auf das ganze Organ in gleicherWeise festigend wie der Turgor auf die einzelne Zelle.
Das Vorhandensein der Gewebespannung lässt sich sehr leicht nach-weisen, wenn man bei einem turgescenten Spross (z. B. einer Sonnenrose,oder Iva) einen Streifen der peripheren Gewebe abtrennt und das Mark fürsich herausschält. Das Aussengewebe wird sofort kürzer, das Mark sofortlänger werden als beide im Verbände des Sprosses waren. Hatte das be-nutzte Sprossstück eine Länge von 50 cm, so wird der Aussenstreifen z. B.auf 46 cm sich zusammenziehen, das Mark aber sich rasch auf 60—70 cmverlängern. Die natürliche Länge des intacten Sprosses war also die Gleich-gewichtslage zwischen dem Ausdehnungsbestreben des Marks und dem Con-tractionsstreben der äusseren Gewebe. Die zwischen Mark und Hautgewebeliegenden Rindenschichten vermitteln zwischen diesen Spannungsextremenallmählich den Uebergang, indem die inneren Schichten wie das Mark zu-sammengepresst, die äusseren wie das Hautgewebe gedehnt sind. Auch beider einfachen Längsspaltung eines frischen markigen Sprosses kommt dieGewebespannung zum Ausdruck und zwar dadurch, dass sich die Längs-hälften nach aussen stark concav krümmen, indem das Mark die längereconvexe, die Epidermis die kürzere coneave Seite bildet.
Selbst zwischen den inneren und äusseren Gewebeschichten hohler Pflanzen-organe bestehen ineist starke Spannungen. Sehr ausgeprägt zeigen sich dieselbenbeispielsweise bei den Blüthenschäften des Löwenzahns (Taraxacum officinale).Aus denselben herausgeschnittene Längsstreifen krümmen sieh, zumal im Wasser,sehr energisch und rollen sich in engen Windungen auf. — Da Gewebespannungenüberall dort auftreten, wo resistente, ungleich gespannte Gewebe mit einander inVerband stehen, so sind sie in den Pflanzen sehr verbreitet, auch da, wo sienicht wie bei Stengeln und bei Plättern zur Fixirung der Gestalt beitragen. Längs-und Querspannungen treten insbesondere auch da auf, wo bei seeundärem Dicken-wachsthum neu gebildete und wachsende Gewebe den Widerstand anderer zu über-winden haben. So wird die primäre, dann die seeundäre Binde der Bäume durchden Cambialzuwachs stark gedehnt. Der von einem Stamme abgelöste Kindenringschliesst daher, wieder angelegt, selbst bei grossem Kraftaufwand nicht mehr zu-sammen, weil er sich bei der Loslösung tangential stark verkürzt hat.
Die Meristeme der Vegetationspunkte weisen noch keine nennenswertlie