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Lehrbuch der Botanik für Hochschulen : mit 667 Abb.
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Noll:

I.

Die Festigung des Pflanzenkörpers.

Eine der wichtigsten und notwendigsten physikalischen Eigenschaftendes Pflanzenkörpers ist seine Festigkeit, denn ohne Festigkeit ist keinebleibende Gestaltung möglich. Die Pflanzen, welche sich bei der zierlichstenAusgestaltung und Gliederung ihrer Organe bis zu gewaltigen Höhen er-heben und sich dabei in der Luft frei ausbreiten, sind aber ganz besondersauf die Festigung ihres Körpers angewiesen, weil es bei ihnen auf ein starresFesthalten der einmal gewonnenen Lage ankommt. Das Vermögen, nachgewaltsamen Störungen durch selbständige Bewegungen in die günstigsteLage zurückzukehren, ist bei einem Baum oder Strauch, ja schon bei er-starkenden Kräutern, auf die äussersten wachsenden Zweigspitzen beschränkt.

Welche Ansprüche an die Festigkeit und den Zusammenhalt der Theilebei Pflanzen gestellt werden, das leuchtet sofort ein, wenn man sieh bei-spielsweise einen Boggenhalm vergegenwärtigt, welcher aus Hunderttausendeneinzelner kleiner Bausteine (der Zellen) zusammengesetzt, bei einer Höhe von1500 mm kaum 3 mm Durchmesser an seiner Basis erreicht. Bis zu 3000 mmerheben sich die schlanken Schäfte des Pfeilrohrs bei einer Grundfläche vonnur 15 mm Durchmesser. Die Höhe des Pfeilrohrs beträgt das 200fache,die des Roggenhalms gar das 500fache des Grunddurchmessers. Dabei trägtaber der Roggenhalm an seiner Spitze noch die schwere Last der Aehre,der schlanke Palmstamm die schweren und im Winde noch wie Segel wirken-den Blätter (welche bei der allerdings kurzstämmigen Lodoicea Sechellarum7 m Länge und 3 bis 4 m Breite erreichen), deren Gewicht bei der schlankenCocospalme noch durch die erhebliche Last der Früchte vermehrt wird.

Zudem kommt es bei den Pflanzen nicht auf die möglichste Unbeweg-lichkeit an wie bei den Werken menschlicher Architektur, und sie besitzeneine Eigenschaft, die wir unseren Bauten nicht geben, schon weil wir sieihnen in dem Maassc nicht zu verleihen vermögen; das ist die ausserordent-liche Elasticität. Der Roggenhalm weicht der Gewalt des starken Windesaus, indem er seine Spitze bis zum Boden herabbeugt, er schnellt aber indie frühere Lage zurück, wenn die Wirkung des Windes aufhört. Die tech-nischen Leistungen des Pflanzenkörpers sind also einzig in ihrer Art undsie sind höchst vollkommen für dessen Bedürfnisse. Von dem festen undzugleich elastischen Baumaterial, welches die Pflanze sich herstellt, machtja auch die Technik aller Völker den ausgedehntesten Gebrauch, indem sieHolz zu Stützen und Trägern, Bastfasern zu Fäden und Tauen verwendet.

Anders als bei holzigen harten Stämmen und Stengeln wird dieFestigkeit bei jungen Pflanzentheilen und bei jenen, zumal niederen Pflanzenzeitlebens erreicht, in denen die festen und elastischen Holz- und Skleren-chymfasern fehlen. Der Hauptbestandteil (oft 90 und mehr Procent) dieserPflanzen bezw. Pflanzcnthcile ist flüssiges Wasser, das einzig Feste an ihnensind die äusserst zarten, dünnen Membranen. Derartige Pflanzentheile erreichenaber trotzdem eine ansehnliche Festigkeit und Elasticität und zwar durch dieelastische Spannung dieser Membranen.

Der Turgor. Wenn Luft oder Wasser in einen elastischen Schlauchz. B. einen Gummischlauch unter hohem Druck eingepresst wird, danndehnt sich die Wand desselben, der Schlauch wird länger und dicker. Dabeiist der vorher schlaffe Schlauch um so steifer und fester geworden, je höherder Innendruck und je elastischer und dünner seine Wandung ist. Aufsolchem Zusammenwirken elastischer Wandungen mit dehnenden Kräften