Physiologie.
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Leben vergleichen Hessen. Da die Physik und die Chemie sich absichtlichdarauf beschränkt haben, die Eigenschaften der leblosen Körper zu unter-suchen, so wäre es natürlich ein fruchtloses Beginnen und ein Verkennender Sachlage, die Lebenserscheinungen lediglich aus Befunden an leblosenKörpern, also aus sogenannten physikalischen und chemischen Gesetzen er-klären zu wollen. Die physikalischen Eigenschaften der Luft, des Wassers,des Glases und einiger Metalle, die man bisher zu physikalischen Apparatenverwandt hat, können niemals Erscheinungen wie die Ernährung, die Ath-mung, das Wachsthum, Reizbewegungen und Fortpflanzung erklären; es wäreeigentlich überflüssig das hervorzuheben, wenn man nicht von Zeit zu Zeitin jenen Irrthum verfallen wäre das ganze Leben aus bekannten physika-lisch-chemischen Erscheinungen erklären zu wollen.
Die Lebenserscheinungen können nur an lebenden Wesen studirt undergründet werden und zwar durch sorgfältige Beobachtungen und kritischangestellte Versuche. Dabei bleibt natürlich stets festzustellen, in wie weitrein physikalische und chemische Eigenschaften, die allen Körpern jederzeitzukommen, bei den Lebenserscheinungen mitspielen und der Lebensführungdienstbar gemacht sind. Der Einblick in rein physikalische und chemischeVorgänge innerhalb des Organismus erscheint aber ganz besonders wünschens-werth, weil es sich dabei um Erscheinungen handelt, mit denen wir hin-sichtlich ihrer Ursache und Wirkung besser vertraut sind. Bei den eigent-lichen Lebenserscheinungen ist das aber durchaus nicht der Fall. Es ist beidiesen von vorn herein gar nicht abzusehen, welche Folgen eine bestimmteEinwirkung haben wird. Setzen wir das freie Ende eines biegsamen Stabesin horizontaler Lage dem Einfluss der Schwerkraft aus, so wird sich der-selbe unter seinem Gewicht bis zu einem bestimmten Punkte abwärts biegen.Dasselbe thut jeder Pflanzentlieil auch und bei toten Pflanzentheilen, z. B.dürren Stengeln, bleibt es dabei. Haben wir zu dem Versuche jedoch einenlebendigen, wachsenden Stengel benutzt, dann zeigt sich in diesem eineWirkung der Schwerkraft, welche im Vergleich zu ihrer rein physikalischenWirkungsweise durchaus überrascht: Der wachsende Tb eil des Stengels krümmtsich und richtet sich durch eigene Thätigkeit wieder auf, er bewegtsieh dem Zug der Schwere gerade entgegen. Machen wir den Versuch mit^iuer Pfahlwurzel, so wird diese dem Zuge der Schwerkraft bis zur senk-rechten Lage scheinbar folgen, ein Rhizom dagegen würde seine wachsendeSpitze unter allen Umständen wagerecht einstellen, wenn es durch sein Ge-wicht aus der Horizontalen gesunken wäre.
Bei diesen drei Versuchen waren die physikalischen Bedingungen jedes-mal die gleichen: Die Erdschwere wirkte auf einen biegsamen Pflanzentheil.Las Resultat fiel aber so verschieden w T ie nur möglich aus.
Die Erklärung für dieses auffällige Verhalten ist darin zu suchen, dassdie Schwerkraft nicht bloss physikalisch auf die lebendige Substanz einwirkt,indem sie deren Gewicht veranlasst, sondern ausserdem noch in eigener Weiseals ein Reiz, welcher innere Thätigkeiten des Pflanzenkörpers zur Auslösungbringt. In unseren Versuchen sind es die das Wachsthum verursachendenVorgänge und Kräfte, welche durch die Schwerkraft local gefördert oder ge-hemmt Averden und so eine Wirkung hervorbringen, die mit der bekanntenphysikalischen Wirkungsweise derselben weder qualitativ noch quantitativ inemem erkennbaren Zusammenhang steht. Die lebendige Substanz wirdvon Reizwirkungen beherrscht; ihre eigenartige Reizbarkeit ist ihrewichtigste Eigenschaft, denn die Reizbarkeit allein ermöglicht das, was wirLeben nennen.
Unter Reizbarkeit versteht man aber den uns im Einzelnen unbekannten,