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Lehrbuch der Botanik für Hochschulen : mit 667 Abb.
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Soll: Physiologie.

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Zweite Abtheilung.Physiologie.

Die Pflanze ist wie das Thier ein lebendes Wesen. Meist aus winzigenund höchst einfachen Anfängen entstehend, aus inneren Ursachen sich ver-grössernd und in bestimmter Weise sich gestaltend, vollendet sie einen an-geerbten Entwicklungsgang. Umgeben von einer Welt, die stofflich sehrverschieden ist vom eigenen Körper, erzeugt sie ihre besonderen Baustoffeaus den ihr gebotenen Rohstoffen. Sie ist dabei befähigt, die zu ihremLeben günstige Lage und Richtung ihrer Körpertheile durch selbständigeBewegungen aufzusuchen. Wie alles Lebendige ist auch der Pflanzenkörpermehr oder weniger rasch vergänglich, aber ungeachtet der begrenzten Lebens-dauer und Zahl der Individuen wird das Fortbestehen und die Ausbreitungder Arten ermöglicht durch Erzeugung gleicher Nachkommen.

Ernährung, selbstthätig gestaltendes Wachsthum, Bewegungs-vermögen und Fortpflanzung sind neben der Athmung die auffälligstenErscheinungen, welche die Pflanze als lebendiges Wesen kennzeichnen undvon leblosen Körpern scharf trennen.

Wie das Leben der einfachsten bestehenden Pflanzenarten uns zeigt, istein einzelliges Wesen zu allen diesen Lebensäusserungen befähigt. BeiPflanzen jedoch, welche sich aus vielen Hunderten oder Tausenden vonZellen dreidimensional zusammensetzen, können die einzelnen Zellen schonaus räumlichen Gründen unmöglich in einem gleichartigen Verhältniss zurAussenwelt stehen. Die Zellen im Innern des Zellenkörpers müssen da unterganz andern Verhältnissen leben als die, welche mit der Aussenwelt in un-mittelbarer Berührung und in directem Austausch stehen. Demgemäss müssendie verschieden gelagerten Elemente sich auf eine verschiedene Lebensweiseeinrichten. Sie müssen in verschiedener Art thätig sein oder, wie man sagt,sich differenziren.

Die derart nothwendig gewordene Arbeitstheilung hat zur Ausbildungäusserer Organe und innerer Structuren geführt, welche in überraschender^yeise ihre Aufgaben im Dienste der ganzen Pflanze zu lösen im Standesind. Je nach den Verwandtschaftskreisen sind die Einrichtungen zwarsowohl in der Form als auch in der Wirkungsweise etwas verschieden; beiallen Pflanzen haben sich aber diejenigen Organe, welchen gleiche Ver-richtungen zukommen, den leistungsfähigsten Formen so genähert, dass bei-spielsweise Wurzeln und Blätter der allerverschiedensten Pflanzen ähnlicheGrundformen zeigen. Das beweisen schon die ganz allgemeinen Bezeichnungen»Blatt", „Wurzel", „Stamm" und „Blüthe", deren einheitliche Bedeutungüoeh unbefangener im Volksmunde zum Ausdruck kommt als in der bota-nischen Fachsprache, welche diese Begriffe aus formalen Gründen nach-träglieh schärfer umgrenzt und eingeschränkt hat.

Das ähnliche Aussehen und der ähnliche innere Bau deuten aber aufFunctionen und Aufgaben, welche den Organen gemeinsam sind; die durch-gängigen Abweichungen, die sich dabei in Gestalt und Ausbau zwischen un-gleichnamigen Organen — wie Blatt und Wurzel — geltend machen, weisenandererseits auf eine verschiedene speeifische Wirksamkeit derselben für diePflanze hin. Es liegt also schon in der verschiedenen morphologischen und