Strasburffer:
ERSTER THEIL.
Allgemeine Botanik.
Erste Abtheilirng.Morphologie.
Die botanische Morphologie strebt eine wissenschaftliche Erkenntnissder Pflanzenformen an. Sie erachtet es nicht als ihr eigentliches Ziel, denUrsachen der Formbildung nachzuforschen, hält vielmehr ihre besondereAufgabe für gelöst, wenn es ihr gelungen ist, eine Form von einer andernabzuleiten. Die einzige reale Grundlage für die Morphologie giebt somit diestammesgcschichtliche Entwicklung, oder Phylogenie (S. 1) ab. Da die phylo-genetische Entstehung aber nur erschlossen, nicht direct verfolgt werdenkann, so ist die Morphologie auf indirecte Methoden angewiesen. Zu wissen-schaftlich begründeten Ergebnissen verhilft ihr einerseits das Studium derEntwicklung, welche die jetzt bestehenden Wesen von ihrer Anlage bis.zumfertigen Zustand durchmachen, das heisst die Ontogenie (S. 1), andererseits dieVergleichung der Formen: die Ontogenie, weil sie innerhalb gewisser Grenzendie Phylogenie wiederholt; die Vergleichung, weil sie es ermöglicht, extremeGebilde durch Zwischenglieder zu verbinden. Da nun aber die Ontogenieweder vollständig noch unverändert die Phylogenie wiederholt, auch die ver-bindenden Glieder zwischen extremen Formen vielfach fehlen, so bleiben dieErgebnisse der morphologischen Forschung nur zu oft unvollkommen. Ge-bilde, deren gemeinsamer Ursprung von einer Ausgangsform uns wahr-scheinlich ist, bezeichnen wir als homolog; solche, für die wir einen Ur-sprung von verschiedenen Ausgangsformen annehmen, die aber die gleichenFunctionen vollziehein als analog. Die Anpassung an die gleiche Functionkann unter Umständen analoge Gebilde zu sehr weitgehender Ueberein-stimmung nicht nur der äusseren Gestalt, sondern auch des inneren Bauesführen, wodurch ihre morphologische Deutung erschwert wird. Kur denhomologen Gebilden kommt derselbe „morphologische Werth" zu. Ueberdiesen entscheiden somit nur phylogenetische Gesichtspunkte, nur der gleicheUrsprung, nicht die übereinstimmende Function. Wir werden uns somit inder morphologischen Werthbestimmung eines Gebildes durch seine Functionnicht beeinflussen lassen, andererseits wollen wir aber doch, um die Bezie-hungen, welche zwischen Form und Function herrschen, klarzulegen, auchphysiologische Gesichtspunkte in die morphologische Darstellung einschalten.Sind wir auf Grund phylogenetischer Erwägungen dahin gelangt, für eineAnzahl verschiedener Gebilde einen gemeinsamen Ursprung anzunehmen, sobezeichnen wir die hypothetische Ursprungsform, aus der wir jene Gebildeableiten, als ihre Grundform. Die verschiedenen Abänderungen, welchediese Grundform erfahren hat, sind ihre Metamorphose. Dadurch ist dieLehre von der Metamorphose der Pflanzen, die einst nur eine ideale Abstrac-tion war, auf reale Grundlage gestellt.