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Theorie der mehrbasischen Säuren.
Neigung aus, sich mit Sauerstoff zu verbinden, daß man es nichtüber sich gewinnen kann, es sich in dieser Form in dem schwefel-sauren Kali zu denken. Hieran ist weiter nichts als die Gewohnheitschuld, die uns unbewußt verführt, die Eigenschaften eines Körperszu übertragen in die Verbindung, die er eingegangen ist."
Liebig entwickelt nun weiter, wie die Annahme von Säureund Wasser in dem Hydrat, von Säure und Metalloxyd als Bestand-teile der Salze der Sauerstoffsäuren nur auf Übereinkommen,nicht auf irgend welchen erwiesenen Tatsachen beruht. DasResultat der Einwirkung einer Säure auf eine Basis ist ein Salzund Wasser. Wenn sich Kalk mit Schwefelsäure oder Salzsäureverbindet, scheiden sich in beiden Fällen gleiche Mengen Wasserab. Man meint aber, daß in dem einen Falle fertig gebildetesWasser aus der Schwefelsäure (SO s , H 2 0) sich abscheide, währendmau in dem anderen Falle annimmt, daß das Wasser aus demWasserstoff der Säure (HCl) und dem Sauerstoff des Kalkes ge-bildet werde. Man erklärt also ein und dieselbe Tatsache durchzwei Ansichten. Bei den Sauerstoffsäuren folgt man der Ansichtvon Lavoisier, bei den Wasserstoffsäuren derjenigen von Davy.Die letztere scheint jedoch natürlicher auch bei den Sauerstoff-säuren des Chlors. Liebig findet, daß auch bei vielen organischenSäuren die herrschende Ansicht nicht den geringsten Aufschlußüber ihre Bildungsweise und ihr Verhalten geben kann. Sie ent-halten kein Wasser, sondern sind als Wasserstoffsäuren anzusehen.In bezug auf die anorganischen Säuren, sagt er, verwirft man dieseAuffassung, weil sie eine Menge hypothetischer, nicht darstell-barer Radikale voraussetzt. „Dieser Einwurf bedeutet wenig inder organischen Chemie; alle organischen Säuren (die sogenanntenwasserfreien Säuren) sind bis auf zwei oder drei Ausnahmenebenso hypothetische Körper, ebenso unbekannt, wie die Radikale,zu denen Davys Ansicht führt. Wasserfreie Oxalsäure, Essig-säure usw. sind nur Vorstellungen; die sogenannten wasserfreienorganischen Säuren haben ihre Sättigungskapazität verloren."Die Salzbildungsfähigkeit, das Sättigungsvermögen, hängt alsomit der Hydratform der Säure — oder, wie man sagte, mit ihremWassergehalt — zusammen. Viele organische Säuren enthaltenim getrockneten Hydratzustande kein Wasser, wie aus ihremVerhalten zu schließen ist. Sie müssen deswegen als Wasserstoff-säuren betrachtet werden. Dann ist es auch verständlich, daßElemente des Radikals der Säure weggenommen oder neue hinzu-gefügt werden können, ohne daß das Sättigungsvermögen hiervon