Ende des Streites über die Substitutionstheorie.
129
Unfehlbarkeit auf, und gegen blinden Glauben läßt sich mitGrund und Beweis wenig ausrichten." Aber die noch Unschlüssigenhoffte er überzeugen zu können. Seine Hoffnung, in dieser Auf-teilung der organischen Verbindungen in einen für den Charakterwesentlichen oder chemisch wirksamen und einen unwesentlichenTeil (der Paarling), welcher kein Vereinigungsbestreben besitzt,ein Mittel gefunden zu haben, die elektrochemische Theorie gegendie Anstürme der Substitutions- und Typenlehre zu retten, wurdennicht erfüllt. Seine Versuche, für die neuen Tatsachen Erklärungs-raöglichkeiten in der Vorratskammer der elektrochemischen Theoriezu finden, wurden immer gekünstelter und seine diesbezüglichenFormeln immer verwickelter, da er, um seine Ansichten aufrechtzu halten, fortwährend neue und bedenkliche Paarlinge zu er-finden hatte.
Durch diese Bestrebungen von Berzelius wurde die Radikal-theorie, von der man ausgegangen war, in einen Zustand der Auf-lösung gebracht, und seine Anhänger hatten, wie Kekule sagt,„nach seinem Tode nicht geringe Mühe, aus den Paarungen wiederRadikale zusammenzulesen". So entstanden auch die AnsichtenKolbes über die gepaarten Radikale (1848), welche später in derEntwickelungsgeschichte der organischen Chemie eine gewisse Rollespielten. Diese Ansichten standen zwar nicht mehr der Substi-tutionstheorie feindlich gegenüber, wohl aber der aus derselbenhervorgegangenen unitaren Anschauungsweise, wie sie in derGerhardtschen Typentheorie Ausdruck fand.
Seiner elektrochemischen Theorie aber mit ihren Folgen bliebBerzelius treu, und sein Widerwillen gegen die neue Richtung,die derselben drohte, nahm nicht ab. Auf ihn könnten gewisser-maßen seine eigenen Worte hinsichtlich der Ursachen zu demWiderstand der Phlogistiker gegen die VerbrennungserklärungLavoisiers bezogen werden: „Die Gewohnheit einer Meinung er-zeugt oft die völlige Überzeugung von ihrer Richtigkeit; sie ver-birgt'die schwächeren Teile davon und macht uns unfähig, dieBeweise dagegen anzunehmen."
Dies war Berzelius' Stellung zu Anfang der vierziger Jahre.Er sah sich mit W T ehmut — nicht ohne Bitterkeit gemischt —Unverstanden, und fühlte, daß man ihn, der doch die größte Auto-rität seiner Wissenschaft gewesen, bald nicht mehr brauchen würde,v or allem in der organischen Chemie nicht, wo er sich doch er-folgreich bemüht hatte, Ordnung zu schaffen. In einem Brief an
Hjelt, Gresch. d, organ. Chemie. 9