Allgemeine Zoologie.
tionierender wachsen, spricht man von einem „Kampf der Teile imOrganismus" (Roux). Dieser „Kampf der Teile" gilt auch für dieStructurelemente innerhalb eines und desselben Gewebes, wie man esam schönsten für den Bau stark in Anspruch genommener Knochen, z. B.Femur, Tibia, nachweisen kann. Vom Knochengewebe erhalten sich hiernur die beim Tragen des Körpers in Anspruch genommenen Teile, dieäußere Röhre und am oberen und unteren Ende diejenigen Bälkchen desschwammigen Gerüstes, welche den mathematisch berechenbaren Druck-und Zugkurven entsprechen, während alles übrige resorbiert und vonKnochenmark eingenommen wird. Ändern sich die Druckbedingungen,wie z. B. bei gebrochenen und in falscher Stellung geheilten Knochen,so ändert sich in entsprechender Weise auch die Anordnung der Knochen-bälkchen.Functions- Die zwei erörterten Momente, daß der Fortbestand der Gewebe
w< organ e der anhaltende Übung voraussetzt, und daß meist mehrere Gewebe in denBau eines Organs eintreten, sind wichtig zum Verständnis des Prinzipsdes Functionswechsels, welches bei der Umbildung der Tierformeneine hervorragende Rolle spielt. Es kann vorkommen, daß ein Organunter veränderte Bedingungen gebracht wird und nicht mehr Gelegen-heit hat, in der bisherigen Weise zu functionieren. Dann geht zwarallmählich das functionierende Gewebe aus Mangel an Gebrauch zugrunde,das Organ kann aber noch vermöge seiner Nebengewebe weiter existieren,wenn die neuen Bedingungen es ermöglichen, daß eines der Nebenge-webe zur Function gelangt und dem Organ einen neuen physiologischenCharakter verleiht. Ein Muskel z. B. kann durch Veränderungen in be-nachbarten Geweben an seiner Function verhindert werden. Wenn danndas Muskelgewebe schwindet, so bleibt zunächst noch die Summe derHilfsgewebe, vor allem das von Blutgefäßen durchsetzte Bindegewebeübrig; es kann erhalten bleiben und ein schützendes Band, eine Sehneoder Fascie liefern. Wir haben dann morphologisch dasselbe Organ, nurdaß es seinen physiologischen Charakter geändert hat; der Muskel hateinen Functionswechsel erfahren und ist ein ligamentöser Strang ge-worden. Ein anderes Beispiel sind die Visceralbögen der Fische-, die-selben sind ihrer ersten Bedeutung nach Träger der Kiemen; wenn nundie Kiemen beim Übergang zum Landleben verloren gehen, so werdendie Visceralbögen functionslos und bilden sich dementsprechend auchteilweise zurück; ein Teil aber erhält sich, weil er neue Functionen ge-wonnen hat, und liefert die Kiefer, das Zungenbein und die Gehör-knöchelchen, welche trotz ihrer ganz anderen Functionen dieselben mor-phologischen Gebilde sind wie die Kiemenbögen.
In der Geschichte der Zoologie (S. 11) haben wir gesehen, wie dievergleichende Anatomie dazu geführt wurde, homologe oder morpho-logisch gleichwertige und analoge oder physiologisch gleichwertige Or-gane zu unterscheiden, d. h. Organe, welche in gleichen Lagebeziehungenund Verbindungsweise auftreten, und Organe, welche dieselbe Functionbesitzen. Was wir hier über den Bau der Organe kennen gelernt haben,macht es verständlich, warum morphologischer und physiologischer Cha-rakter sich nicht notwendig decken, warum morphologisch gleichartigeOrgane (Lunge der Säugetiere, Schwimmblase der Fische) verschiedeneFunctionen, morphologisch dift'erente Organe (Lunge der Säugetiere,Kiemen der Fische) dieselben Functionen haben können.Organ- Organe, welche vollkommen gleichartig oder doch wenigstens im
Systeme, gleichen Sinne functionieren, können nun in demselben Körper in größerer