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Lehrbuch der Zoologie
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Darwins Theorie von der Abstammung der Arten.

Migrations-theorie.

tionen den Lebensbedingungen besser angepaßt sein sollten, als ihreStammform. Insofern auch hier der Kampf ums Dasein eine entscheidendeRolle spielen würde, steht die Mutationstheorie auf dem Boden derSelectionstheorie; sie unterscheidet sich vom Darwinismus in bezug aufdie Form der Descendenz, indem sie eineexplosionsartige" Form derArtbildung annimmt, bei welcher plötzlich mehrere Arten, und zwarsofort als relativ konstante Gebilde, entstehen würden. Jeder Mutations-periode würde eine Prämutationsperiode vorausgehen, in welcher latenteine Umgestaltung der Species allmählich angebahnt werde. Für dierichtige Würdigung der Mutationstheorie wird es in Zukunft nötig sein,zwei Fragen zu entscheiden: 1. ob in der Tat zwischen Mutation undVariation der von de Vries geforderte scharfe Unterschied existiert;2. ob die Mutationstheorie imstande ist, die vielfachen Anpassungen derOrganismen an ihre Umgebung zu erklären.

Um zu erklären, wie es kommt, daß die durch Variation neu ge-bildeten Charaktere Bestand haben und nicht durch Kreuzung mit andersgearteten Individuen wieder verschwinden, hat Moriz Wagner dieTheorie von der geographischen Isolierung oder die Migrations-theorie aufgestellt. Neue Arten sollen entstehen, wenn von dem In-dividuenbestand einer Art ein Teil sich auf Wanderung begibt oderpassiv verschleppt wird und so nach einem neuen Aufenthaltsort gelangt.an welchem die Kreuzung mit den zurückgebliebenen Artgenossen nichtmöglich ist. Das gleiche soll eintreten, wenn ein von einer Art besie-deltes Gebiet durch geologische Ereignisse in zwei Gebiete, zwischendenen kein Formenaustausch mehr möglich ist, geschieden wird. Dieunter den alten Verhältnissen verbleibenden Tiere sollen den ursprüng-lichen Artcharakter beibehalten, die Auswanderer dagegen sich zu einerneuen Art umwandeln. Für die Berechtigung der Theorie sprechen direkteBeobachtungen. Eine am Anfang des 15. Jahrhunderts ausgesetzteKaninchenzucht hat sich auf der Insel Porto -Santo bis in die Neuzeitenorm vermehrt; dabei hat die Nachkommenschaft die Charaktere einerneuen Art angenommen. Die Tiere sind kleiner und bissiger geworden,sie besitzen eine gleichförmig rötliche Farbe und lassen sich mit denbei uns einheimischen Kaninchen nicht mehr paaren. Ein weiterer Be-weis für die Theorie der geographischen Isolierung ist der eigenartigefaunistische Charakter von Territorien, welche von angrenzenden Länderndurch unüberwindliche Barrieren, breite Flüsse oder Meeresarme, hoheGebirgszüge (cfr. S. 33) getrennt sind. Besonders lehrreich ist in dieserHinsicht der eigenartige faunistische Charakter fast aller Inseln. DieFauna einer Insel ähnelt im allgemeinen der Fauna des Festlandes, vondem die Insel durch geologische Ereignisse abgelöst wurde; nur besitztsie vielfach nicht dieselben, sondern sog.vicariierende Arten", d. h.Arten, welche bis auf gewisse Merkmale den Festlandsarten gleichen.Solche vicariierende Arten sind offenbar dadurch entstanden, daß abge-löste Individuengruppen, auf die Insel versprengt, eine von der Aus-gangsform divergente Entwicklung genommen haben. Bei aller An-erkennung der Migrationstheorie wird es niemals möglich sein, aus ihrallein die Vielgestaltigkeit der Organismenwelt zu erklären. Dazu müßteman annehmen, daß früher eine ungeheure Umbildungsfähigkeit der Erd-oberfläche bestanden habe, während gerade die neueren Untersuchungenes wahrscheinlich machen, daß die Verteilung von Land und Wasserlange nicht in dem Maße, wie man früher annahm, gewechselt hat. Auch