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Lehrbuch der Zoologie
Entstehung
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Darwins Theorie von der Abstammung der Arten.

und zu dauernden Merkmalen fixiert werden können. Bei vielen Merk-malen, speziell solchen, welche systematisch verwendet werden, sei gar nichteinzusehen, wie sie den Trägern des Merkmals irgend welchen Nutzenhätten bringen können. Man müßte für sie die Annahme machen, daßsie sich in Correlation. d. h. in notwendigem, organischem Zusammen-hang mit anderen wichtigeren Charakteren entwickelt hätten. Was aberdie nützlichen Merkmale anlange, so müßten dieselben schon ein an-sehnliches Maß erreicht haben, um dem Kampf ums Dasein Angriffspunktezu bieten undSelectionswert - ' zu erhalten. Zufällig auftretende Variationen,mit denen der Darwinismus operiere, seien zu geringfügig, um dem Organis-mus zu nützen und so Gegenstand der natürlichen Auslese zu werden. Auchwürde in den meisten Fällen die Abänderung eines Organs für sichgenommen nicht genügen, um Nutzen zu stiften; vielmehr müßte gleich-zeitig eine ganze Reihe von Hilfsapparaten modifiziert werden. Es müßtedabei ein harmonisches Ineinandergreifen, eine Koadaptation (H. Spencer)der Teile erzielt werden, was eine stetige und gleichgerichtete Entwick-lung während langer Zeiträume voraussetze, während deren der Kampfums Dasein keinen richtenden Einfluß ausüben könne. Damit z. B. dieFlügel der Vögel zum Flug verwandt werden konnten, mußten sie nichtnur selbst eine bedeutende Größe erreicht haben; es mußten auch diebewegenden Muskeln, die stützenden Skelettstücke, die hinzutretendenNerven eine bestimmte Ausbildung und Anordnung besitzen. Schwierig-keiten entstehen der Selectionstheorie auch daraus, daß die meisten Tierebilateral- oder radialsymmetrisch, viele Tiere außerdem gegliedert (segmen-tiert) sind. In allen diesen Fällen treten dieselben Organe in Zwei-oder Mehrzahl auf. Symmetrische und meist auch segmental sich wieder-holende Organe stimmen untereinander im Bau überein. Man müßtedaher annehmen, daß die zufälligen Abänderungen an zwei oder mehrverschiedenen Stellen des Körpers gleichzeitig in vollkommen gleicherWeise zustande gekommen seien.

Ein weiterer Einwand besagt, daß die Wirkungsweise der natür-lichen Auslese unter gewöhnlichen Verhältnissen durch die entgegen-gesetzte Wirkung der unbehinderten Kreuzung der variierenden Formenausgeglichen werde. Wenn Taubenrassen nicht isoliert gezüchtet werden,kreuzen sie sich untereinander und verlieren so das Charakteristischeder Rasse. Endlich ist hervorgehoben worden, daß zur Entstehung neuerArten eine einfache Umbildung der Formen nicht ausreicht; es muß nochweiter hinzukommen: 1. eine Umbildung nach verschiedenen Richtungenhin, eine divergente Entwicklung des Individuenbestandes einer Art,2. die Vernichtung der Zwischenformen, welche zwischen den divergentenFormen vermitteln.

Der Einwand, daß der Kampf ums Dasein die zur Ausbildungnötige divergente Entwicklung der Individuen nicht veranlassen könne,fällt am wenigsten ins Gewicht. Ohne weiteres muß zugegeben werden,daß von vielen bei einer Art gleichzeitig auftretenden Variationen zweioder mehr zugleich von Vorteil sein können, daß sich dann ein Teil derIndividuen des einen, ein anderer Teil des anderen Vorteils bemächtigenwird, daß beide Teile sich infolgedessen nach verschiedenen Richtungenhin entwickeln werden. Dabei werden die Mittelfbrmen, welche wedernach der einen, noch nach der anderen Richtung hin ausgeprägt sind, ineine ungünstige Stellung geraten; sie müssen mit beiden Gruppen ein-seitig differenzierter Artgenossen den Kampf ums Dasein aufnehmen und,als minder vollkommen ausgerüstet, in demselben unterliegen.