34
Darwins Theorie von der Abstammung der Arten.
einzigen Art. Wie sind nun die zahlreichen Rassen und Unterrassender Tauben, Pferde, Rinder, Hunde etc. entstanden? Darwin findetdie Ursache der hier herrschenden ungeheuren A^erschiedenartigkeit inder „künstlichen Zuchtwahl" welche seit Jahrtausenden,vom Menschen,anfänglich vielleicht unbewußt, allmählich aber immer planmäßiger aus-geübt wurde, bis sie die Vollkommenheit erreichte,, welche es jetzt ge-übten Züchtern ermöglicht, innerhalb relativ kurzer Zeit (oft nur wenigerJahre) Varietäten mit bestimmten gewünschten Merkmalen zu erzielen.Das Verfahren, welches der Züchter hierbei verfolgt, ist folgendes: erwählt aus seinem Tierbestand geeignete Formen, d. h. Tiere, welche,wenn auch in geringfügiger Weise, dem angestrebten Ideal näher kommenals die übrigen, zur Nachzucht heraus und bringt sie untereinander zurPaarung. Durch häufige planmäßige Wiederholung dieser Auslese, indemer viele Generationen hindurch immer wieder Individuen von ungeeigneterVariationstendenz von der Nachzucht ausschließt, erreicht er eine langsame,aber stetige Annäherung an sein Ziel.
Bei der geschilderten „künstlichen Züchtung" kommen 3 Momente„in Betracht: 1. die Variabilität; die Nachkommenschaft eines Eltern-paares hat die Fähigkeit, neue Charaktere zu entwickeln und sich dadurchvom Aussehen der Eltern zu entfernen; 2. die Erblichkeit neu auf-tretender Charaktere; es besteht die Tendenz, daß die Tochtergenerationdie neu entstandenen Charaktere auf die Enkelgeneration überträgt;3. die künstliche Zuchtwahl (Selection); der Mensch sucht sich zurZüchtung geeignete Individuen aus und verhindert auf diese Weise, daßein durch Variation entstandener neuer Charakter durch Kreuzung mitTieren von entgegengesetzter Variationstendenz wieder verschwindet.
Vergleichen wir mit den Befunden der Domestication die Verhält-nisse der im Naturzustand lebenden Tiere, so finden sich als wirksame,allen Organismen innewohnende Kräfte Variabilität und Erblichkeit eben-falls wieder, wenn auch erstere nicht überall in gleicher Intensität. VieleArten gibt es, die gar nicht oder unbedeutend variieren und sich daherdurch Jahrtausende unverändert erhalten haben. Diesen konservativenArten stehen aber in jeder Gruppe progressive Arten gegenüber, lebens-volle Arten, welche in einem regen Umbildungsprozeß begriffen unddaher allein für das Auftreten neuer Arten von Bedeutung sind. — Daauch die Vererbungsfähigkeit allen Organismen zukommt, so fehlt uns nurein der künstlichen Zuchtwahl entsprechender Faktor, und diesen erblicktDarwin in der „natürlichen Zuchtwahl" (natural selection).
Die natürliche Zuchtwahl findet ihre Angriffspunkte in derenormen Zahl von Keimen, welche ein jedes Tier produziert. Es gibtTiere, z. B. die meisten Fische, welche viele Tausende von jungerBrut im Laufe ihres Lebens erzeugen, von Parasiten gar nicht zu reden,bei welchen die Eier nach vielen Millionen zählen. Für die Entwicklungdieser Menge von Keimen hat die Erde keinen Platz. Denn wenn wirselbst ein sich langsam vermehrendes Tier der Rechnung zugrunde legen,wie z. B. den Elefanten, und annehmen würden, daß alle Nachkommen-schaft, welche er erzeugt, am Leben bliebe und sich in normaler Weisefortpflanze, so würden wenige Jahrhunderte es dahin bringen, daß dieErde von Elefantenherden vollkommen besetzt wäre. Um das Gleich-gewicht im Haushalt der Natur aufrecht zu erhalten, müssen großeMengen von unbefruchteten und befruchteten Eiern, ferner von jungenund erwachsenen, aber noch nicht zum physiologischen Lebensende ge-diehenen Tieren zugrunde gehen. Viele Existenzen werden unzweifelhaft