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Lehrbuch der Zoologie
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Darwins Theorie von der Abstammung der Arten.

Man wird daher aus ihr mancherlei von früheren Zuständen noch ent-ziffern können, wenn auch mit der allergrößten Vorsicht und nach Über-windung der allergrößten Schwierigkeiten.

Nehmen wir an, alle Tierarten seien von Anfang an, so wie siejetzt sind, geschaffen worden, so würden dieselben von dem zweckmäßigdenkenden Schöpfer in die ihrer Organisation am meisten zusagendenTerritorien gesetzt worden sein. Ihre Verteilung über die Erdoberflächewürde daher ausschließlich von Gunst und Ungunst der in den einzelnenRegionen herrschenden Lebensbedingungen, wie Klima, Nährverhältnisseusw., bestimmt sein. Nehmen wir dagegen an, daß die Tierarten durchUmbildung auseinander hervorgegangen sind, so müßte für ihre Ver-breitungsweise außer den derzeitigen Existenzbedingungen noch einzweites Moment, welches wir das geologische oder erdgeschichtlichenennen wollen, maßgebend gewesen sein. Wir wissen, daß die Relief-verhältnisse der Erde sich im Laufe der gewaltigen Zeiträume der geo-logischen Perioden vielfach geändert haben, daß Länderstrecken, w r elchefrüher zusammenhingen, durch das eindringende Meer getrennt wurden,daß durch die Erhebungen der Gebirge ebenfalls wichtige, früher nichtvorhandene Scheidewände für die Ausbreitung der Tiere gebildet wurden.Andererseits sind Gebiete, welche ursprünglich voneinander getrenntwaren, miteinander in Verbindung getreten; Inseln wurden z. B. unter-einander vereinigt, indem infolge von Hebungsvorgängen verbindendesLand aus dem Meere auftauchte. Für den Anhänger der Abstammungs-lehre ergibt sich aus dem Umstände, daß sich Hand in Hand zwei Um-änderungen vollzogen haben, die Umänderung der Erdoberfläche unddie Umänderung der auf ihr angesiedelten Tierwelt, mit Notwendigkeitdie Konsequenz, daß die Unterschiede im faunistischen Charakter zweierLänder um so größer ausfallen müssen, je länger sie sich unabhängigvoneinander ohne wechselseitigen Austausch ihrer Tierbevölkerungen ent-wickelt haben, je länger ihre Bewohner durch eine unüberschreitbareGrenze voneinander geschieden w ? aren. Für die einzelnen Tiergruppenwird der Charakter der Grenzen ein verschiedener sein; Landtiere, welchenicht fliegen können, werden durch Meeresarme, Meeresbewohner um-gekehrt durch Länderstrecken in ihrer Verbreitung behindert; für Land-rnollusken genügen schon hohe Gebirgskämme, welche kahl und dürroder sogar mit Schnee bedeckt sind.

Seitdem man auf diese Verhältnisse aufmerksam geworden ist, sindviele der Descendenztheorie günstige geographische Tatsachen ermitteltworden. 1. Unter den einzelnen Kontinenten hat Australien faunistischden selbständigsten Charakter; als es entdeckt wurde, besaß es gar keinehöheren (placentalen) Säugetiere, außer solchen, welche fliegen können{Chiropteren) oder das Meer bewohnen {Cetaceen), oder leicht durchschwimmendes Holz verschleppt werden (kleine Nager), oder durch denMenschen eingeführt sein können {Dingo, der australische Hund); da-gegen besaß es die merkwürdigen Kloakentiere (Schnabeltiere) und dieBeuteltiere, eine Säugetiergruppe, welche in der alten Welt und mitAusnahme der Beutelratten und der Gattung Caenolestes auch in Amerikavollkommen ausgestorben ist. Die Erscheinung erklärt sich daraus, daßin der Erdgeschichte Australien mit seinen anschließenden Inseln früh-zeitig dauernd aus jedem Zusammenhang mit den übrigen Kontinentenlosgelöst wurde. Während in den 4 übrigen Erdteilen die höheren Säuge-tiere sich auf Kosten der Beuteltiere entwickelten und ihre niederenKonkurrenten bei dem Zusammenhang der Länder überall ganz oder

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