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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Achte Vorlesung;.

ein Bewohner des hohen Nordens; er ist ausserdem noch ein Wasser-bewohner, d. h. er ist umgeben von einem besseren Wärmeleiter alsdie Luftbewohner, bedarf also zur Behauptung seiner Körpertemparaturder intensivsten Wärmequelle, des Fettes in höherem Maasse als alleLuftbewohner.

Anders ist der hohe Fettgehalt der Milch des Meerschwein-chens zu deuten, das bekanntlich aus Peru stammt, also aus einemwarmen Klima. Das neugeborene Meerschweinchen springt schon amersten Tage hinter der Mutter her und sucht sich selbst sein Futter.Die Milch spielt claneben nur eine untergeordnete Bolle; sie bildetnur eine willkommene Zugabe zur fettarmen vegetabilischen Nahrung.

Diese Betrachtungen zeigen uns, wie umsichtig die Natur dafürgesorgt hat, dass der Säugling jeder Thierspecies alle erforderlichenNahrungsstoffe im richtigen Verhältnisse empfange. Man wird dahernicht ohne Schädigung des Säuglings seine Muttermilch mit der Milcheiner anderen Thierspecies vortauschen oder gar eine künstlicheNahrung für ihn zusammensetzen können. Selbst wenn uns alleNahrungsstoffe und ihr Mengenverhältniss genau bekannt wären,würde dieses seine grossen Schwierigkeiten haben. Wir müssen aberdie Möglichkeit zugeben, dass uns die Nahrungsstoffe gar nicht allebekannt sind. Wir haben beispielsweise die Eiweissarten und Nuclein-arten der Milch noch gar nicht exact in chemische Individuen zer-legt und die Eigenschaften aller Individuen studirt. Wir müssenferner die Möglichkeit einräumen, dass in kleiner Menge noch un-bekannte Stoffe in der Milch enthalten sind, die dennoch eine wichtigeBolle bei der Ernährung spielen.

Bekanntlich kommt aber der Mensch in Folge der Degenerationunserer Basse und in Folge der Gewissenlosigkeit vieler Mütterbeständig in die Lage, die Säuglinge künstlich ernähren zu müssen.

Ein Blick auf die obige Tabelle (S. 116) zeigt, dass, wenn mandie Kuhmilch mit dem gleichen Volumen Wasser verdünnt, derEiweiss-gehalt nahezu der gleiche ist, wie in der Frauenmilch. Auch dergesammte Aschengehalt ist nur wenig höher, der Kalkgehalt aberbeträgt das 2 \ fache, der Phosphorsäuregehalt das Doppelte. Dergeringere Zucker- und Fettgehalt kann durch einen Zusatz vonMilchzucker und von Rahm gesteigert werden.

Statt der Milchzuckerlösung hat man zur Verdünnung der Kuh-milch auch Lösungen anderer Zuckerarten angewandt sowie stärke-haltige Abkochungen aus Vegetabilien aller Art, J ) Welcher Zusatz

1) Eine Zusammenstellung der sehr umfangreichen Litteratur über diekünstliche Kinderernährung findet sich bei Ph. Biedert,Die Kinderernährung