Die anorganischen Nahrungsstoffe. Kochsalz.
105
Der Astronom L. Schwarz theilte mir mit, dass er selbst aufseiner Reise im Lande der Tüngusen drei Monate lang ausschliess-lich von Rennthierfleisch und Federwild gelebt hat: er fühlte sich beidieser "Nahrung vollkommen wohl und hat durchaus kein Bedürfnissnach Salz empfunden.
Man könnte nun aber dennoch auf die Vermuthung kommen, dassdie Abneigung der sibirischen Naturvölker gegen das Salz nicht eineFolge der animalischen Nahrung sei, sondern in irgend einer Weisemit dem nordischen Klima zusammenhänge. Ich berufe mich daherzur Begründung meiner Ansicht auf die folgenden Angaben überVölker, welche in warmen Ländern von animalischer Nahrung lebenund kein Salz gebrauchen.
In Ostindien, im Nilgherry-Gebirge, wurde ein Hirtenvolk, dieTu das, erst in diesem Jahrhundert entdeckt. Ein verderblicherKranz von fieberbringenden Sümpfen hatte die Engländer bis dahinverhindert, zu ihnen hinaufzudringen. Das genannte Volk kanntevegetabilische Nahrung gar nicht; es lebte von der Milch und demFleische seiner Büffelherden — vom Salze aber.wusste es nichts.
Die Kirgisen leben gleichfalls von Fleisch und Milch und ge-brauchen niemals Salz, obgleich sie Bewohner der Salzsteppe sind.Dieses theilte mir Dr. P. Baron Maydell mit, der in den Jahren1845 und 1847 die Kirgisensteppe durchreist hat.
Genau dasselbe erzählt von den Numidern bereits Sallust:Numidae plerumque lacte et ferina carne vescebantur et neque salemneque alia irritamenta gulae quaerebant. Die Nordküste Afrikas istgleichfalls reich an Salz.
Unter ähnlichen Verhältnissen wie die Numider zur Zeit Sai-lust'sleben noch heutzutage gewisse Beduinenstämme auf der arabischenHalbinsel. Von diesen heisst es in Wbede's Reise: „Die Beduinenessen das Fleisch ohne Salz und scheinen sogar den Gebrauch desSalzes lächerlich zu finden."
Die Buschmänner im südlichen Afrika leben als Jäger undgebrauchen kein Salz.
Die Negerstämme dagegen sind Ackerbauer. Das Innere Afrikasist arm an Salz. Heutzutage werden die Neger durch den lebhaftenSalzhandel, den die Europäer unterhalten, und durch Salzsiedereienan den Küsten mit Salz genügend versorgt. Von Reisenden ausälterer Zeit schildert Mungo Paek das Salzbedürfniss der Negerfolgendermaassen: „In den inneren Gegenden ist das Salz die grösstealler Leckereien. Einem Europäer kommt es ganz sonderbar vor,wenn er ein Kind an einem Stück Steinsalz lecken sieht, als ob esZucker wäre. Dies habe ich oft gesehen, obgleich die ärmere Klasse