104
Siebente Vorlesung.
gebrauchen das Salz und bezeichnen dasselbe mit dem germanischenWorte. Die Ostfinnen dagegen, welche noch gegenwärtig als Jägerund Nomaden leben, gebrauchen bis auf den heutigen Tag kein Salz.Dasselbe gilt von allen übrigen Jäger-, Fischer- und Nomadenvölkernim nördlichen Russland und in Sibirien. Dieses liegt nicht etwa daran,dass sie das Salz nicht kennen oder sich nicht verschaffen können.Nein, sie haben einen entschiedenen Widerwillen gegen das Salz. Stein-salzlager, Salzseen, Salzeffiorescenzen giebt es in allen Theilen Sibi-riens. Die sibirischen Jäger interessiren diese Salzlager aber nurinsofern, als die Rennthierherden an solchen Orten sich zu versam-meln pflegen, um das Salz zu lecken. Die Jäger aber verzehren ihrFleisch ohne Salz. Dieses wurde mir mündlich und brieflich voneiner grossen Zahl sibirischer Reisender mitgetheilt über alle VölkerSibiriens. Der Mineraloge C. von Ditmab, welcher in den Jahren 1851bis 1856 ganz Sibirien durchreist und lange Zeit unter den Kam-tscliadalen gelebt hat, schreibt mir: „Oft, wenn ich auf der Reisejenen Leuten (Kamtscliadalen, Korälcen, Tschuhtschen, Ainos, Tungusen)von meinen gesalzenen Speisen zu schmecken gab, hatte ich Gelegen-heit, in ihren verzogenen Gesichtsmuskeln das grösste Unbehagen zulesen". Von den Kamtscliadalen erzählt Ditmar, dass sie sich haupt-sächlich von Fischen nähren und dieselben für den Winter in grosseErdgruben zusammenwerfen, wo dann der ganze Vorrath in eine„schrecklich riechende Gallerte" sich umwandelt. Diese „für jedenEuropäer entsetzliche und gewiss ungesunde Lieblingsspeise der Kam-tschadalen" veranlasste die russische Regierung, durch strenge Maass-regeln das Salzen der Fische einführen zu wollen. Es wurde beiPeterpaulshafen eine Vorrichtung zur Gewinnung des Salzes aus Meer-wasser getroffen und das Salz zu äusserst billigen Preisen den Kam-tscliadalen geliefert. Die Kamtscliadalen, ein ungewöhnlich folgsamesVolk, gehorchten wohl und es wurden die anbefohlenen Fischmengenmit loyalster Gewissenhaftigkeit gesalzen. Aber — gegessen habensie dieselben nicht! Sie blieben bei ihren verfaulten Fischen. Undzur Zeit, wo Ditmar in Kamtschatka war, hatte die russische Regie-rung ihre Bemühungen bereits als unausführbar aufgegeben. Nur„alte Leute erzählten noch wie von schrecklicher Landplage". Vonden Abkömmlingen der Russen in Kamtschatka erzählt Ditmae, dasssie zwar europäische Küchengewächse anbauen, aber „nur in geringerQuantität", dass „der kamtschadalische Speisezettel bei ihnen derbeliebteste und somit auch der Salzgebrauch ein verschwindend ge-ringer geworden". Nur in Peterpaulshafen werden Gemüse und Cerea-lien in Menge verzehrt; dort fehlt auch die Salzdose auf keinemTische.