Druckschrift 
Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
Entstehung
Seite
103
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

Die anorganischen Nahrungsstoffe. Kochsalz.

103

Es fragt sich nun: Wie verhalten sich die Völkerschaften, welchegar keine Pflanzennahrung aufnehmen? Es giebt doch ganze Völker,welche als Jäger, Fischer, Nomaden von rein animalischer Nahrungleben! Von diesen müssen wir erwarten, dass sie eine Abneigunggegen das Salz haben wie die carnivoren Thiere. Dieses ist in derThat der Fall. Ich habe zur Entscheidung dieser Frage eine sehrgrosse Zahl von Reisewerken durchstöbert und vielfach mündlich undbrieflich Erkundigungen bei Reisenden aus neuerer Zeit eingezogen.Es hat sich dabei herausgestellt als ein durchgehendes, ausnahms-loses Gesetz, dass zu allen Zeiten und in allen Ländern diejenigenVölker, welche von rein animalischer Nahrung leben, das Salz entwedergar nicht kennen oder, 100 sie es kennen lernen, verabscheuen, ivährenddie vorherrschend von Vegetabilien sich nährenden Völker ein unwider-stehliches Verlangen darnach tragen und es als unentbehrliches Lebens-mittel betrachten.

Dieser Unterschied tritt bereits in den uralten Opfergebräuchender Griechen und Römer zu Tage, indem die Opferthiere den Götternstets ohne Salz, die Feldfrüchte dagegen mit Salz dargebrachtwurden. Den Juden gebot das mosaische Gesetz ausdrücklich, die demPflanzenreiche entnommenen Gaben mit Salz ihrem Gotte zu opfern.')

Die'indogermanischen Sprachen haben kein gemeinsamesWort für Salz, ebensowenig für die Thätigkeiten des Ackerbaues,während die auf Viehzucht bezüglichen Ausdrücke sich meist aufgemeinsame Wurzeln zurückführen lassen. Es erscheint darnach wahr-scheinlich, dass die indogermanischen Völker, so lange sieals einundifferenzirtes Ganzes in ihrem Ursitz auf dem Scheitel und denAbhängen des gewaltigen Bulur-Tagh weidend umherzogen, von demSalze noch nichts gewusst haben". Sie haben es erst kennen gelerntnach ihrer Trennung beim TJebergang zum Ackerbau und zur vege-tabilischen Nahrung. Die Germanen linden wir in der Zeit, dieTacitus uns schildert, gerade im Begriff zur Ansässigkeit und zumAckerbau überzugehen. Dem entsprechend wissen sie noch nichtsvon einer regelrechten Salzgewinnung, aber die Begierde nach Salzist bereits erwacht, denn Tacitus berichtet von wüthenden Ausrottungs-kriegen, die einzelne Stämme mit einander führten um die Salzquellenan ihrer Grenze.

Die finnischen Sprachen haben bis auf den heutigen Tag keinWort für Salz. Die Westfinnen, welche jetzt Ackerbau treiben,

1) Die Quellen für diese und alle folgenden Angaben über deu Salzgebrauch"iler Nichtgebrauch der verschiedenen Völker finden sich genau citirt in meinerArbeit:Ethnologischer Nachtrag zur Abhandlung über die Bedeutung des Koch-salzes u. s. w." Zeitsehr. f. ßiol. Bd. 10. S. 111. 1874