Druckschrift 
Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
Entstehung
Seite
98
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

'

98

Siebente Vorlesung.

Lunin fütterte einen Theil seiner Versuchsthiere mit aschefreierNahrung, den anderen Theil ceteris paribus mit einem Zusatz vonkohlensaurem Natron, welcher gerade hinreichte, die aus dem Ei-weiss der Nahrung sich bildende Schwefelsäure zu binden.

Es kam darauf an, mit einer möglichst grossen Zahl von Thierenzu experimentiren, weil nur dadurch die zufällig mitspielenden Fac-toren eliminirt werden und ein sicherer Schluss sich ziehen lässt. Erstellte daher die Versuche an Mäusen an, weil für eine grosse Zahlgrösserer Thiere die nöthige Menge aschefreier Nahrung darzu-stellen nicht möglich gewesen wäre.

Die aschefreie Nahrung wurde folgendermaassen hergestellt.Durch Fällen verdünnter Milch mit Essigsäure und Auswaschen desfeinflockigen Coagulums mit essigsäurehaltigem Wasser wurde einGemenge von Fett und Casein erhalten, welches nur 0,050,08 Aschein 100 Theilen Trockensubstanz enthielt, also 10 mal weniger als dieFleischrückstände Foestee : s. Zu diesem Gemenge wurde als Be-präsentant der dritten Hauptgruppe der Nahrungsstoffe Bohrzuckerhinzugefügt, welcher aschefrei war.

Mit dieser Nahrung und destillirtem Wasser lebten 5 Mäuse 11,13, 14, 15 und 21 Tage. Bei völligem Hunger lebten 2 Mäuse 4 Tage,2 nur 3 Tage.

Nun wurden 6 Mäuse mit derselben aschefreien Nahrung undeinem Zusatz von kohlensaurem Natron gefüttert. Diese lebten 16,23, 24, 26, 27 und 30 Tage, also doppelt so lange wie die Thiere,welche keine Base zur Sättigung der gebildeten Schwefelsäure er-halten hatten.

Man könnte den Einwand erheben: Die Thiere lebten längernicht in Folge der Neutralisation der Schwefelsäure, sondern weilsie doch wenigstens einen anorganischen Nahrungsstoff erhaltenhatten. Dieser Einwand wird durch den folgenden Versuch wider-legt, bei welchem 7 Mäuse statt des kohlensauren Natrons ceterisparibus eine genau äquivalente Menge Chlornatriums erhielten, alsoein neutrales Salz, welches die Schwefelsäure nicht neutralisireiikonnte. Die 7 Mäuse verendeten nach 6, 10, 11, 15, 16, 17, 20 Tagen.Sie lebten also, obgleich sie zwei anorganische Nahrungsstoffe, dasChlor und das Natrium, erhalten hatten, nur halb so lange wie dieThiere, welche blos einen anorganischen Nahrungsstoff, das Natrium,erhalten hatten, und nicht länger als die Thiere, welche aschefreieNahrung erhalten hatten.

Die Versuche stehen also im besten Einklänge mit meiner aprio-ristischen Erklärung., Zur Controle wurden noch zwei parallele