Druckschrift 
Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
Entstehung
Seite
96
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

'

96

Siebente Vorlesung.

Rolle bei der Warmeregulirung. Die Notwendigkeit einer bestän-digen Wasserzufuhr ist also gleichfalls a priori klar. Anders dieSalze. Es wäre doch denkbar, dass, wenn nur die organischen Nah-rungsstoffe und das Wasser stets in genügender Menge zugeführtwürden, die aus dem Zerfall der Gewebe hervorgehenden anorganischenSalze wiederum zur Neubildung der Gewebe Verwerthung findenkönnten. Selbst wenn kleine Verluste unvermeidlich wären durchAusscheidung mit den Fäces in Folge ungenügender Eesorption derVerdauungssecrete, Abschuppung der Epidermis, der Haare u. s. w.so liesse sich doch erwarten, dass der ausgewachsene Organismusseinen vorhandenen Vorrath an Salzen mit Zähigkeit zurückhaltenund mit einer sehr geringen Zufuhr auskommen könnte. A priorilässt sich die Nothwendiglceit einer beständigen Zufuhr erheblicher Salz-mengen für den ausgewachsenen Organismus nicht deduciren.

Es käme somit auf den Versuch an. Wir könnten einem aus-gewachsenen Thiere lange Zeit ausschliesslich organische Nahrungs-stoffe und Wasser darreichen und beobachten, wie lange es dabeibestehen kann und welche Störungen auftreten. Dieser funda-mentale Stoffwechselversuch war bis auf die neueste Zeit nur einmalgemacht worden und zwar von dem Assistenten Voit's in München,Förster, 1 )

Forster stiess bei dem Versuche, aschefreie Nahrung darzu-stellen, auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Aschefreie Kohle-hydrate und Fette lassen sich zwar gewinnen. Dagegen ist es bishernicht gelungen, das Eiweiss von allen anorganischen Stoffen zu be-freien. Selbst das krystallinische Eiweiss enthält in geringer Mengenoch alle Aschebestandtheile. Forster bediente sich bei seinen Ver-suchen der Fleischrückstände, die bei der Bereitung des LiEBia'schenFleischextractes gewonnen werden. Nachdem dieselben noch mehr-fach mit destillirtem Wasser ausgekocht worden, enthielten sieauf 100 Theile Trockensubstanz 0,8 Asche. Mit diesem salzarmenEiweiss nebst Fett, Zucker und Stärkemehl fütterte Forster 2 Hunde.Er fütterte ferner 3 Tauben mit Stärkemehl und Casein, welchesgleichfalls nur sehr wenig Salze enthielt.

Forster beobachtete nun, dass die Thiere bei dieser Nahrungauffallend rasch zu Grunde gingen. Die 3 Tauben lebten 13, 25 und29 Tage. Von den beiden Hunden war der einenach 36 Tagen soelend, dass er bei Fortsetzung des Versuches wohl in kurzer Fristumgekommen wäre, während der zweite schon nach 26 Tagen demVerenden nahe war". Bei völligem Hunger leben Hunde 4060 Tage.

1) J. Fokster, Zeitschr. f. Biologie. Bd. 9. S. 297. 1873.