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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Siebente Vorlesung.

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Man ersieht aus der vorliegenden Tabelle, dass die übrigen Nah-rungsmittel alle anorganischen Bestandteile in ebenso reichlicherMenge oder noch reichlicher enthalten als die Milch. Der Kalk istder einzige anorganische Nahrungsstoff, für den wir zu sorgen habenbei der Auswahl der Nahrungsmittel des Kindes. Bei Ernährung mitFleisch und Brod würde ein Kind wahrscheinlich die zum Wachs-thum seines Skelets erforderliche Kalkmenge nicht erhalten. Reicherdaran sind schon die Leguminosen. Das einzige Nahrungsmittel,welches der Milch in seinem Kalkgehalte gleichkommt, ist der Ei-dotter. Dieser sollte daher den Kindern als Surrogat verabfolgtwerden in den Fällen, wo Milch nicht zu beschaffen ist oder nichtvertragen wird. Bedeutende Kalkmengen finden sich im Brunnen-wasser; wir wissen jedoch nicht, ob diese assimilirbar sind; in denNahrungsmitteln findet sich der Kalk an organische Stoffe gebunden.Deshalb ist es auch irrationell in Form anorganischer VerbindungenKindern Kalk zu verordnen. Es geschieht tagtäglich in der ärzt-lichen Praxis, dass rachitischen Kindern ein paar Theelöffel vollKalkwasser verschrieben werden. Dieses ist schon deshalb verkehrt,weil die verordnete Kalkmenge viel zu gering ist. Eine gesättigteKalklösung enthält weniger Kalk als die Kuhmilch! In einem LiterKuhmilch fand ich 1,7 gCaO; ein Liter Kalkwasser enthält nur 1,3g CaO.

Das Wesen und die Ursachen der Rachitis sind noch völlig-dunkel. Thatsache ist es, dass man künstlich durch Fütterung wach-sender junger Thiere mit kalkarmer Nahrung eine Verarmung derKnochen an Kalksalzen und eine abnorme Biegsamkeit und Brüchig-keit derselben hervorbringen kann. Auch will man bei einigen der-artigen Versuchen wirkliche Rachitis erzeugt haben mit allen charak-teristischen Erscheinungen dieser Krankheit. 1 ) Ebenso aber ist esThatsache, dass Kinder rachitisch erkranken, die an kalkreicherNahrung niemals Mangel gelitten haben. Hier liegt es nahe, zu ver-muthen, dass die Kalksalze in Folge gestörter Verdauung nichtgenügend resorbirt 2 ), oder trotz genügender Resorption in Folge ab-

1) Erwin Voit, Zeitschr. f. Biologie. Bd. 1(5. S. 55. 1880. Dort findet sichauch die frühere Literatur zusammengestellt. Siehe ferner: A. Baginskt, Vir-chow's Arch. Bd. 87. S. 301. 1882 und Seemann, Zeitschr. f. klin. Med. Bd. 5.S. 1 und 152. 1882.

2) Bei den Untersuchungen über die Resorbirbarkeit der Kalkverbindungenstösst man auf dieselbe Schwierigkeit wie bei den Eisenverbindungen (s. Vorles. 25):der Kalk wird zum grössten Theil in den Darm ausgeschieden, nur zum kleinerenTheil durch die Nieren. Siehe hierüber Fr. Voit, Zeitschr. f. Biol. Bd. 29. S. 325.1893. Dort auch die früheren Arbeiten referirt. Vgl. ferner Rudel, Arch. f.exper. Path. u. Pharm. Bd. 33. S. 80 u. 90. 1893.