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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Die organischen Nahrungsstoffe. Lecithin.

Im Thierreiche ist das Cholin bisher nur als Lecithin auf-gefunden -worden. Es wurde zuerst von Steeckee 1 ) aus der lecithin-haltigen Galle dargestellt und deshalb Cholin genannt. Liebeeich 2 )fand es unter den Zersetzuugsproducten der phosphorhaltigen Ver-bindungen aus der Nervensubstanz (Gehirn). Diakonow zeigte, dasses ein Spaltungsproduct des Lecithin sei. In den Geweben derPflanzen findet sich das Cholin nicht blos als Lecithin, sondern auchin anderen Verbindungen. In den Senfsamen findet sich ein Alkaloid,das Sinapin, welches beim Kochen mit Alkalien in Sinapinsäure undCholin zerfällt, Aus dem Fliegenpilze (Amanita muscaria) stelltenSchmiedebeeg und seine Schüler 3 ) zwei Alkaloide dar, das Ama-nitin und das Muscarin, von denen das erstere mit dem Cholinals identisch sich herausstellte. Das letztere, ein heftiges Gift,unterschied sich von dem ersteren nur durch einen Mehrgehalt voneinem Atom Sauerstoff, und in der That gelang es, durch Ein-wirkung von rauchender Salpetersäure auf Cholin sowohl dasaus Fliegenpilzen als auch das aus dem Lecithin des Gehirns oderdes Eidotters als auch das synthetisch dargestellte ein um einAtom Sauerstoff reicheres Alkaloid darzustellen, welches ähnlicheGiftwirkungen zeigte, wie das Muscarin, insbesondere dieselbeWirkung auf das Herz. Diese nahe Beziehung einer in jederthierischen und pflanzlichen Zelle enthaltenen Substanz zu einemso heftigen Gifte ist eine Thatsache von hohem Interesse. Nachneueren Untersuchungen von Boehm 4 ) ist indessen das durch Oxy-dation des Cholin künstlich dargestellte Muscarin mit dem imFliegenpilze vorkommenden nicht identisch, sondern isomer: die phar-makologische Wirkung zeigt Verschiedenheiten. Das Cholin fandBoeim auch in anderen Pilzen und stellte es in grosser Menge ausden Pressrückständen der Baumwollensamen und Bucheckern dar.

Die Lecithine haben mit den Fetten, denen sie in ihrer Zu-sammensetzung so nahe stehen, die Löslichkeit in Alkohol und Aethergemeinsam; auch sind sie mit Fetten in jedem Verhältniss misch-bar; zugleich aber haben sie die Fähigkeit, in Wasser schleimig zuquellen. Dadurch scheinen sie ganz besonders geeignet, die Ein-wirkung der in Wasser gelösten Stoffe auf die unlöslichen zu ver-

1) Strecker, Ann. Chem. Pharm. Bd. 123. S. 353. 1862. Bd. 148. S. 76, 1868.

2) Liebreich, Ann. Chem. Pharm. Bd. 134. S. 29. 1865.

3) Schmiedeberg und Koppe, Das Muscarin, das giftige Alkaloid des Fliegen-pilzes. Leipzig 1809. E. Harnack, Arch. f. exper. Pathol. u. Pharmakol. Bd. IV.S. 1G8. 1875. Schmiedeberg und Harkack, Arch. f. exper. Pathol. u. Pharmakol.ß d. VI. S. 101. 187(5.

4) Boehm, Arch. f. exper. Pathol. u. Pharmakol. Bd. 19. S. 87. 1885.