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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Sechste Vorlesung.

mittein und an den verschiedensten chemischen Processen in denGeweben sich zu betheiligen. Vorläufig aber wissen wir über dieBedeutung, welche den Lecithinen bei irgend welchen Lebens-functionen zukommen könnte, noch absolut nichts.

Eine Frage, die uns zunächst interessiren muss, ist die, ob dieLecithine unserer Gewebe aus den Lecithinen der Nahrung oderdurch Synthese aus anderem Material etwa aus Fett, Eiweissund Phosphorsäure entstehen. Durch Versuche in Hoppe-Seylek'sLaboratorium r ) wurde festgestellt, dass bei der künstlichen Pankreas-verdauung die Lecithine leicht unter Wasseraufnahme in Glycerin-phosphorsäure, Fettsäuren und Cholin zerfallen. Ob dieser Zerfallbei der normalen Verdauung ein vollständiger ist, oder ob ein Theilunzersetzt resorbirt wird und wie gross dieser Theil ist, ob nur dasunzersetzt Resorbirte beim Aufbau der Gewebe verwerthet werdenkann, oder ob auch die resorbirten Spaltungsproducte wieder zurVereinigung gelangen, ob schliesslich auch aus anderem MaterialLecithin sich bilden könne darüber wissen wir noch nichts. DieResorption des Lecithins oder seiner Spaltungsproducte ist jedenfallseine vollständige: in denFäces lässt sich weder Lecithin noch Glycerin-phosphorsäure nachweisen. Für die Unentbehrlichkeit der Lecithinein der Nahrung scheint ihr Vorkommen in der Milch 2 ) zu sprechen.

Mit dem gemeinsamen Namen Nxielei'ne 3 ) hat man eine grosseZahl sehr verschiedener organischer Phosphorverbindungen bezeichnet,welche in allen thierischen und pflanzlichen Geweben sich finden,besonders reichlich in den Kernen der Zellen. Die Nucleine sindnoch wenig studirt, und wir haben keine Garantie dafür, dass diebisher dargestellten reine Substanzen, chemische Individuen gewesensind. Alle Nucleine haben mit einander gemeinsam die Unlöslichkeitin Alkohol, Aether, Wasser und verdünnten Mineralsäuren und dieLöslichkeit in Alkalien. Die Nucleine sind Säuren. Aus allen spaltetsich der Phosphor als Phosphorsäure ab beim Kochen mit Wasser,

1) S. Bökay, Zeitschr. f. physiol. Chemie. Bd. I. S. 157. 1877.

2) Tolmatsohefp, Med. ehem. Untersuchungen von Hoppe-Seyler. Heft 2.S. 272. 1867.

3) Die Nucleine wurden von Mieschee zuerst in den Kernen der Eiter-körperchen, darauf im Eidotter und Lachssperma entdeckt und untersucht. Med.ehem.Untersuchungen, herausgegeben von Hoppe-Seyler, Heft 4. S. 441 und 5021871. Verhandlungen der naturforschenden Gesellschaft zu Basel. Bd. G. S. 138.1874. Die eingehendsten Untersuchungen über die Nucleine aus neuester Zeitverdanken wir Kossel, Zeitschr. f. physiol. Chemie. Bd. 3. S. 284. 1879. Bd.- 4.S. 290. 1880. Bd. 5. S. 152 und 267. 1881.Untersuchungen über die Nucleine."Strassburg 1881. Zeitschr. f. physiol. Chem. Bd. 6. S. 422. 1882. Bd. 7. S. 7. 1882.Bd. 10. S. 250. 1886. Bd. 12. S. 241. 1888. Ärch. f. Anat. u. Physiol. 1891. S. 181.