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Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie : in 29 Vorlesungen für Ärzte und Studirende
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Dritte Vorlesung.

anstrengen, als wenn er sich an die Bücher setzt mit dem Vorsatze,alle Geisteskräfte anzuspannen ganz abgesehen von den Gemüths-emotionen, welche wahrscheinlich an Kraftaufwand alle Geistes-anstrengungen weit übertreffen und deren Eintritt wir nicht will-kürlich herbeiführen oder vermeiden können.

Wir müssen ferner bedenken, dass das Gewicht des Gehirnsweniger als 2°/ 0 des Körpergewichtes ausmacht und dass nur einTheil des Gehirns den geistigen Functionen dient. Selbst wenn derStoffwechsel in diesem Organe bei gesteigerter psychischer Thätigkeitaufs Lebhafteste gesteigert würde, so könnten wir doch nicht er-warten, diese Steigerung an einer Steigerung des Gesainmtstoff-wechsels erkennen zu können. Und auch wenn die Steigerung sichnachweisen liesse, so dürften wir daraus doch nicht schliessen, dassdie Geistesarbeit umgesetzte chemische Spannkraft sei. Der Zusammen-hang könnte ein indirecter sein.

Mit Beachtung dieser Gesichtspunkte wird auch der Anfängersehr wohl im Stande sein, an den bisherigen Arbeiten 1 ) über denEinfiuss der Geistesarbeit auf den Stoffwechsel Kritik zu üben.

Ueberblicken wir noch einmal die Resultate unserer bisherigenBetrachtungen, so stellt sich im Kraft- und Stoffwechsel der Pflanzenund Thiere der folgende Gegensatz heraus:

1. Die Pflanze bildet organische Stoffe; das Thier zerstört orga-nische Stoffe. Das Leben der Pflanze ist ein synthetischer, das Lebender Thiere ein analytischer Process.

2. Das Leben der Pflanze ist ein Reductionsprocess, das Lebender Thiere ein Oxydationsprocess.

3. Die Pflanze verbraucht lebendige Kraft und erzeugt Spann-kraft; das Thier verbraucht Spannkraft und erzeugt lebendige Kraft.

Aberdie Natur macht keinen Sprung". Wie in morphologischerHinsicht eine Grenze zwischen Pflanzen und Thieren sich nicht ziehenlässt, so verwischt auch in Bezug auf den Kraft- und Stoffwechselder Gegensatz sich vollständig.

Es giebt einzellige, chlorophyllfreie Wesen: Pilze und Bacterien,welche den Kohlenstoff aus der Kohlensäure nicht zu assimiliren ver-mögen. Derselbe muss ihnen als organische Verbindung als Zucker,Weinsäure u. s. w. zugeführt werden. Sie verhalten sich also wieThiere. Den Stickstoff aber können sie als anorganische Verbindung

1) Boecker, Beitr. z. Heilkunde. 1849. Hammond, The Amer. journ. ofmed.sciences 1856. p. 330. Sam. Haughton, The Dublin quaterly Journal of medicalscience 1860. p. 1. J. W. Paton, Journ. of anat. and physiolog. V. p. 290. 1871.Liebermeister, Handb. der Pathol. u. Therap. des Fiebers. Leipzig 1870. S. 191 i.Speck, Areh. f. exp. Path. u. Pharm. Bd. 15. S. 81. 1882.