Ueber Brunnenkuren
Bei der Verordnung einer Heilquelle ist aber nicht allein aufdie chemischen Bestandteile Rücksicht zu nehmen, sondern voneben so grosser Wichtigkeit ist die Lage des Kurorts, sein Clima,die Umgebung. Schon die barometrischen und thermometrischenVeränderungen, denen die Kranken in den Kurorten ausgesetzt sind,tragen oft viel zum günstigen Erfolge der Kur bei. Wenn eine hoheLage, eine mehr reizende, den Kreislauf bethätigende Atmosphäre,besonders bei chronischen Affectionen der Unterleibsorgane mit her-vorstechender Venosität, so wie bei catarrhalisclion Leiden derSchleimhaut des Digestionsapparats mit Atonie und bei hysterischen,hypochondrischen Beschwerden, die auf einer anämischen Basis wur-zeln, sich trefflich eignet, so muss man dagegen für sehr schwäch-liche, atrophische, an Affectionen der Respirationsorgane Leidende,wo ein mehr entzündlicher Reizzustand vorhanden ist, tief gelegeneOrte mit mildem, warmem Ciima, die gegen rauhe Winde geschütztsind, auswählen.
Von hoher Wichtigkeit ist die Temperatur der Luft. Die Mine-ralquellen liegen in sehr verschiedenen Breiten, haben daher eineverschiedene mittlere Jahrestemperatur. ■ Einzelne besitzen ausserdemdurch ihre eigentümliche, gegen kalte oder warme Winde geschützteoder offene Lage, durch die Nähe des Meeres oder mit ewigemSchnee bedeckter Berge eine andere mittlere Temperatur, als derIsotherme entspricht, weiche den Ort durchschneidet.
Indess ist auf die mittlere Sommertemperatur, die viel grossereUnterschiede an den verschiedenen Orten darbietet, als die des Jah-res, weit mehr Gewicht zu legen; nur besitzen wir leider noch übersehr wenige Badeorte eine genaue Angabe ihrer Sommerwärme.Ebenso fehlen uns Beobachtungen über die Schwankungen der Tem-peratur zu den verschiedenen Tageszeiten und von einem Monatezum anderen. Ein gleichmäßiges oder geringen Schwankungen un-terworfenes Clima ist aber z. B. bei Lungenaffectionen von unschätz-barem Werthe.
Nicht minder beachtenswert!) ist der absolute Feuchtigkeitsgradder Luft, so wie der relative Gehalt an Wasserdampf. Auch hiermacht sich der Mangel gründlicher psyehronietrischer Forschungenfühlbar; denn wir wissen nur aus der Erfahrung, dass an Gradir-werken, am Meeresstrande, in der Nähe grosser Flüsse und insumpfreichen Gegenden eine übermässige Sättigung mit Wasserdampfstattfindet. Die grössere oder geringere relative Feuchtigkeit der At-mosphäre übt aber einen bedeutenden Einfluss auf die Hauttranspi-