324
III. 20. Vom 6. zum 7. März 1849.
seit langen Wochen in der Luft geschwebt, sondern war unter den Ab-geordneten znm täglichen Gespräch geworden, welchem einerseits das auf-fallende Sichfernhalten der meisten Minister von den Kammerverhand-lungen, anderseits die krampfhaften Anstrengungen der Slovanskü Lipa,den Reichstag durch massenhafte Vertrauensbczeugungen vom drohendenUntergange zu retten, stets neuen Stoff znführtcn. Und nun in der zwölftenStunde — thatsächlich und sinnbildlich — sollte sich, als die unerwarteteBerufung in die Ministerränme des fürsterzbischöflichcn Palastes erfolgte,keiner von allen Anwesenden diese Möglichkeit vor Augen gehalten haben,sollten sie auf alles andere: eine wnnschenswcrthe Beschleunigung desVerfassnngswerkes, eine Berathung über einzelne strittige Punkte u. dgl.eher gefaßt gewesen sein als auf einen so „willkürlichen vollkommenunmotivirtcn" Act der Regierung der „das kaiserliche Ansehen nurschwächen müße"?! Von allen Anwesenden waren es nur zwei, Dr. Gredler(Schwaz) und Oberamtmann Thiemnnn (Rumburg), die aus ihrer Be-friedigung' über die endliche Lösung der Berfassungswirren kein Hehlmachten, obwohl sie ihrer Meinung keinen öffentliche» Ausdruck gaben;und ähnliches äußerte, gleichfalls nur im Vertrauen, Bischof Jachimowiczznm Untcr-Staatssccretür Helfert. Dieser letztere mischte sich nicht indie Debatte. War ihm doch selbst die Mittheilung im Eisenbahuwaggonzu überraschend gekommen um als Redner für den bedeutungsvollenSchritt anfzutreten, während er anderseits für seine Person nicht ganzfrei von jenen Besorgnissen war die von Seiten seiner Reichstagsgenossen,obwohl in der übertriebensten Weise, ausgemalt wurden. Gleichwohl ver-theidigte er in einem abseits geführten Zwiegespräche mit Dr. Pinkas,der sich ungemein erregt zeigte, die Maßregel eines Ministeriums mitwelchem er sich solidarisch verbunden fühlte, und gab dem aufrichtigen Be-dauern Ausdruck welche Folgen es haben müße wenn Männer, die durchihre Mission berufen seien mit klarem Blick und ruhigem Blut die Lagezu beherrschen, sich selber in solchem Grade von der Leidenschaft fort-reißcn ließen, wie es die gegenwärtigen Verhandlungen zeigten*).
Stadion dagegen war sichtlich ergriffen. Seine Natur, die bereitsbedenkliche Symptome geistiger Ucberspannung und Abmattung aufwics,wie er denn ruhigen gesunden Schlaf, wenn auch nur für wenige Stunden,kaum kannte, war solchen Stürmen nicht mehr gewachsen. Die Be-
Erwiderung an Dr. Adolf Pinkas von Dr. Jos. Alex. Helfert; Wien19. März 1849 Gerold und Sohn (8°, 20 S.).