Achtes Buch.
Erstes Kapitel.
Von dem richtigen Gebrauch der Tilgend.
Man kann nun die Frage anfwerfcn, ob es möglich ist,ein jegliches Ding zu gebrauchen sowohl so, wie es seiner natür-lichen Bestimmung entspricht, als auch in anderer Weise, undzwar entweder an und für sich oder in accidenteller Bedeutung;z. B. wie mau mit dem Auge sowohl richtig sehen kann, als auchfalsch sehen, wenn man das Auge verdreht, so daß dann EinGegenstand doppelt erscheint. Beides ist eine Art, wie man dasAuge gebrauchen kann, die eine aber ist die richtige Art, die an-dere die accidentelle, wie mau z. B. auch die Speise nicht bloßzu sich nehmen kann, sondern auch von sich geben. Ebenso istes nun auch mit der Wissenschaft; man kann sie richtig und maukann sie auf fehlerhafte Weise gebrauchen, wie z. B. wenn manabsichtlich nicht richtig schreibt, während ein Anderer aus Un-wissenheit fehlt, indem er z. B.. die Hand nicht richtig hält; undso gebrauchen ja auch die Tänzerinnen manchmal das Bein wiedie Hand und die Hand wie das Bein. Wenn nun alle Tugen-den Wissenschaften sind, so ist es wohl möglich, auch von derGerechtigkeit einen Gebrauch zu machen wie von der Ungerechtig-keit, man würde also unrecht thun von der Gerechtigkeit aus,wie man vom Wissen aus etwas thun kann, was eigentlich nurdem Unwissenden zukommt; ist aber dieß unmöglich, so ergibt sichdaraus, daß die Tugenden keine Wissenschaften sein können. Undwenn es nicht möglich ist, vom Wissen aus als ein Unwissender