Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
121
Einzelbild herunterladen
 

121

denn ergibt, daß uns die Bedenken irgendwie irre führen. Suchenwir also dem wahren Sachverhalt auf den Grund zu kommen.Der Freund möchte, wie es im Sprichwort heißt,ein zweiterHerakles", ein zweites Ich sein. Nun ist aber eben die Tren-nung in zwei Personen vorhanden, welche nicht so leicht in Einezusammengehen können; aber doch ist der Freund von Natur dasverwandteste Wesen, körperlich betrachtet ist er ein Aehnlicher,ein Anderer aber in Beziehung auf die Seele, ja cs gibt inBeziehung aus jeden einzelnen Theil der Seele immer wiederUnterschiede. Allein nichts desto weniger möchte der Freund sozu sagen ein getrenntes Ich des Andern sein. So muß alsonothwendig die Wahrnehmung des Freundes zugleich in gewissemSinn ein Wahrnehmen des eigenen Jchs sein und ein Erkennendes eigenen Jchs. Und daher sind auch die alltäglichen Gelegen-heiten des Zusammenlebens und des Sichzusammenfreuens mitdem Freunde ganz natürlich angenehm, (denn man hat ja dabeistets die Wahrnehmung des Freundes,) noch mehr aber gilt dießbei den göttlichen Freuden. Der Grund liegt darin, daß es im-mer größere Lust erweckt, wenn man sich selbst in einem vorzüg-licheren Guten anschaut. Dieß ist nun das einemal ein passiverZustand, das anderemal eine Aktivität, bald auch noch etwasanderes. Wenn es nun aber angenehm ist, daß man selbst gutlebt und somit auch der Freund gut lebt, und wenn mit demZusammenleben auch gemeinsame Thätigkeit gegeben ist, so ist dieGemeinschaft von alle» Zielen unseres Strebens das, was ammeisten Lust erwecken muß. Deßhalb muß man nun aber nichtum der Nahrung und der nothwendigen Bedürfnisse willen zu-sammen sich unterhalten und zusammengenießen; denn Unterhal-tungen, die nur auf jene Dinge gerichtet sind, sind in Wahrheitnur Arten des sinnlichen Gcnießens. Nun will aber jeder dasZiel, das er für sich zu erreichen wünscht, als Grundlage desZusammenlebens mit dem Freunde ausstellen; ist dieß nicht mög-lich, so wünscht man doch ganz besonders dem Freunde Dienstezu erweisen und sich von ihm erweisen zu lassen.

Hieraus ergibt sich also, daß ein Zusammenleben nothwen-dig ist, daß jedermann ein solches im höchsten Grad für sich