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Achtes Kapitel.
Eine Frage über die Freundschaft zwischen Wohlthäter und Empfängerder Wohlthat.
Hier ist nun eine Frage: wie kommt es, daß diejenigen,welche eine Wohlthat erwiesen haben, diejenigen, welchen sie sieerwiesen haben, mehr lieben als sic von den letzteren geliebtwerden? Man sollte meinen, das Gegentheil sollte von Rechts-wegen stattfindcn. Die Sache hat wohl einmal ihren Grunddarin, daß dem, welcher die Wohlthat erweist, dadurch einNutzen und eine Förderung zu Theil wird, denn er hat nuneine Schuld ansstehen, welche ihm der Empfänger der Wohlthatentrichten muß. Es ist dieß aber nicht der einzige Grund, son-dern es liegt auch in der Natur. Die Thätigkeit ist nemlichdas begehrenswerthere; nun steht das Werk in gleicher Stufewie die Wirksamkeit, der aber, welcher die Wohlthat empfangenhat, ist gleichsam das Werk des Andern, von welchem er sieempfangen hat. Daraus ist auch bei den Thieren die Sorgefür die Jungen zu erklären, indem sie diese nicht nur erzeugen,sondern auch zu erhalten streben. So ist auch die Liebe derVäter zu den Kindern größer — (und die Liebe der Mütter istwieder größer als die der Väter) — als die der Kinder zu denVätern rcsp. Müttern; und wiederum die Kinder lieben ihreeigenen Kinder mehr als ihre Eltern, eben weil die Thätigkeitdas Beste ist; die Mütter aber lieben die Kinder noch mehr alsdie Väter es thun, weil sie von der Ansicht ausgchen, daß dieKinder in höherem Maß ihr, der Mütter, Werk seien; sie be-urtheilen nemlich die Urheberschaft nach der Anstrengung, dieMutter aber hat beim Gebären mehr Mühsal.
Diese Bestimmungen mögen also gelten über die Freund-schaft des Menschen zu sich selbst und über die Freundschaftzwischen Mehreren.