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1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
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Sechstes Kapitel.

Von der Liebe zu sich selbst.

Eine eingehendere Betrachtung erfordert die Frage, ob mansein eigener Frennd sein kann oder nicht. Manche sind nemlichder Ansicht, jeder sei in erster Linie sein eigener Freund undvon diesem Standpunkt aus beurtheilen sie dann die Freundschaftmit andern Freunden. Wenn man nun die zu Grund liegen-den Begriffe und die den Freunden beigelegten Attribute in'sAuge faßt, so ist Manches dagegen. Manches aber scheint damitim Einklang zu sein. In gewissem Sinn nemlich, nach Ana-logie, kann man dieß eine Freundschaft nennen, schlechthin aberbetrachtet ist sie es nicht. Denn Lieben und Gcliebtwerden findetstatt zwischen zwei getrennten Personen. Daher ist vielmehrEiner sein eigener Freund in der Weise, wie wir vom Mäßigenund Unmäßigen gezeigt haben, daß sie freiwillig resp. unfrei-willig handeln, sofern nemlich die Theile der Seele in einemgewissen Verhältniß zu einander stehen; diesem Verhältnis; läßtes sich vergleichen, wenn ein Mensch sein eigener Freund oder

Feind ist oder wenn er sich selber unrecht thut. Denn dieß

alles setzt zwei und zwar getrennte Personen voraus. So-fern nun die Seele ebenfalls eine Zweiheit darstellt, läßt sichdieß alles in gewisser Weise von ihr aussagen; sofern aber keineTrennung stattfindet, trifft es nicht zu.

Von dem Verhalten zu sich selbst aus sind nun auch dieübrigen Arten des Liebens zu bestimmen, welche wir zum Gegen-stand unserer Besprechungen zn machen Pflegen. Als Freundsehen wir nemlich denjenigen an, welcher einem Andern das

Gute, resp. das nach seinem Dafürhalten Gute wünscht und

zwar nicht um seiner selbst, sondern um des Andern willen. Inzweiter Linie denjenigen, welcher dem Andern das Sein wünschtum des Andern willen, nicht um seiner selbst willen, auch wenner ihm nicht das Gute mittheilt, geschweige denn das Seinselber >). Endlich den, welcher mit einem Andern zusammen zu

>) Vielleicht zu lesen: foärM.

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