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1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
69
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OS

Drittes Kapitel.

Von der Gelassenheit.

In derselben Weise ist nun auch die Gelassenheit und dieHeftigkeit zu bestimmen. Auch der Gelassene hat es ja, wie wirsehen, mit der Unlust zu thun, welche aus dem Zorn entspringt,sofern er derselben gegenüber ein gewisses Verhalten beobachtet.Nun haben wir oben in unserer Aufzählung den Zornmüthigen,Heftigen, Ungestümen (denn alle derartigen Bezeichnungen drückenEine und dieselbe Gemüthsverfassung aus), den niedrig Gesinntenund den Unverständigen gegenübcrgestellt; denn die letzteren Namengibt man doch in der Regel Solchen, welche nicht einmal da, wosie es sollten, sich zum Zorn erregen, sondern sich glcichgiltig mitFüßen treten lassen und dem Hochmuth gegenüber sich noch de-müthig anstellen. Die Empfindung der Unlust nemlich, welchewir Zorn nennen, schließt folgende Gegensätze in sich: das Rascheund Langsame, den geringeren Grad und den hohen Grad, dasNachhaltige und das Augenblickliche. Da nun, wie in den an-dern Füllen, so auch hier ein Zuviel und ein Zuwenig stattfindet(der Heftige ist nemlich von der Art, daß er zu rasch und zustark und zu lang in Affekt geräth zu Zeiten und gegen Per-sonen, wo es nicht sein sollte, und in zu vielen Fällen, währendder niedrig Gesinnte den Gegensatz dazu bildet), so muß esoffenbar auch ein mittleres Verhalten zu dev Ungleichheit geben.Sind nun jene beiden Arte» des Verhaltens fehlerhaft, so mußoffenbar das zwischen beiden in der Mitte stehende Verhalten dasrichtige sein: hier ist kein Zufrüh und kein Zuspät, kein Zornig-werden, wo cs nicht sein sollte; da nun die Gelassenheit dasbeste Verhalten in Beziehung auf diese Affekte ist, so werden wirauch sie als ein mittleres Verhalten zu bezeichnen haben, und derGelassene steht somit in der Mitte zwischen dem Heftigen unddem niedrig Gesinnten.