Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
61
Einzelbild herunterladen
 

61

Tyrannen tödtete und der Held der kretischen Sage; ebenso istes beim Zorn und der Leidenschaft, denn diese raubt die ruhigeBesinnung. Deßhalb scheinen auch die wilden Thicre tapfer zusein, während sie es nicht sind; sie sind nemlich tapfer, wennsie außer sich gerathen, sonst aber haben sie nichts derart, geradewie die Verwegenen. Indessen entspricht die Tapferkeit der Lei-denschaft am meisten der Natur. Denn die Leidenschaft ist etwasUnbezwingliches,'weßhalb auch die Knaben am tapfersten kämpfen.Dagegen die bürgerliche Tapferkeit beruht auf dem Gesetz.In Wirklichkeit ist keine von diesen Arten die eigentliche Tapfer-keit, doch sind alle diese Motive nützlich, um in der GefahrMuth einzuflößen.

Damit haben wir uns im allgemeinen über das Furchtbareausgesprochen, es wird aber gut sein, noch genauere Bestim-mungen zu geben. Im allgemeinen bezeichnet man als furchtbardas, was geeignet ist, Furcht hervorzubringen. Derart aber istdas, was eine vernichtende Unlust hcrvorzubringen scheint; beidem Andern nemlich, was mit irgend einer andern Unlust ver-bunden ist, wird wohl auch eine andere Unlust, eine andereAffektion entstehen, nicht aber Furcht, wie z. B. wenn Eineretwa voraussieht, daß er die Unlust empfinden wird, welche dieNeidischen empfinden, oder die Eifersüchtigen, oder die, welchesich schämen. Vielmehr Furcht entsteht nur da, wo die genannteUnlust bevorzustehen scheint, diejenige nemlich, die ihrer Naturnach geeignet ist, dem Leben ein Ende zu machen. Daher kommtes auch, daß Manche, welche sonst sehr weichlich sind, in man-chen Lagen sich tapfer zeigen und Manche, die sonst hart undstandhaft sind, sich feig erweisen. In der That scheint es daseigenthümliche Wesen der Tapferkeit zu sein, daß sie, wo es sichum den Tod und die mit diesem verbundene Unlust handelt,ein gewisses Verhalten beobachtet. Ist nemlich ein Mensch soangelegt, daß er gegenüber der Hitze, der Kälte und derartigenUrsachen der Unlust sich ausdauernd zeigt, also gegenüber von

>) Vielleicht ist Theseus gemeint. Von dem in Metapont ist nichts bekannt,vielleicht eine Verwechslung.