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1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
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Die Tapferkeit Lesteht nemlich darin, daß man der Vernunftfolgt, die Vernunft aber gebietet, das Gute zum Vorsatz zunehmen. Daher denn auch ein Mensch, welcher nicht um desGuten willen das Furchtbare erträgt, entweder verrückt oder ver-wegen ist; wer es aber thut um des Guten willen, der alleinist furchtlos und tapfer. Der Feige nun fürchtet auch das, waser nicht fürchten sollte, der Verwegene zeigt Zuversicht auch gegen-über von Dingen, wo er es nicht sollte; der Tapfere verhält sichin beiden Richtungen so wie er soll, und in sofern steht er inder Mitte. Er zeigt nemlich Zuversicht und Furcht, wo dieVernunft es ihm gebietet. Die Vernunft aber gebietet nichtStand zu halten gegen das, was in besonders hohem Gradschmerzlich und verderblich ist, sofern es nicht sittlich gut ist.Also der Verwegene zeigt Zuversicht, auch wenn die Vernunftes nicht gebietet, der Feige zeigt keine Zuversicht, auch wo dieVernunft es gebietet, der Tapfere allein zeigt Zuversicht nachden Vorschriften der Vernunft.

Man kann nun fünferlei Arten von Tapferkeit unterschei-den, die unter sich verwandt sind: die Gegenstände nemlich,welchen gegenüber sie Stand halten, sind dieselben, nicht aberdie Motive, weßhälb sie es thun. Erstens die politische, bür-gerliche Tapferkeit; dieß ist diejenige, welche auf dem Ehrgefühlberuht. Zweitens die Tapferkeit des Kriegers: diese beruht aufErfahrung und auf der Kenntniß nicht, wie Sokrates meinte,der Gefahren selbst, sondern dessen, was gegen die Gefahrenschützt; drittens die Tapferkeit, welche aus Mangel an Er-fahrung und auf Unwissenheit beruht, wodurch die Kinder unddie Wahnsinnigen angetrieben werden, dem, was ans sie losfährt,Stand zu halten und Schlangen zu berühren; eine vierteArt ist die, welche auf der Hoffnung beruht, sofern nemlich die,die oft Glück gehabt haben, den Gefahren Stand halten, ebensowie auch die Trunkenen: denn der Wein erfüllt mit guten Hoff-nungen; endlich eine Tapferkeit, welche auf vernunftlosemAffekt beruht, wie z. B. auf Verliebtheit und Zorn; wer nem-lich verliebt ist, ist eher verwegen als feig und stellt sich vielenGefahren entgegen, wie z. B. der, welcher in Metapont den