Druckschrift 
1 (1891) Nikomachische Ethik (2. Aufl.), Eudemische Ethik
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

in wissenschaftlicher Weise etwas thun auch wofür es keine Wissen-schaft gibt. Es bezieht sich nemlich dieselbe Wissenschaft ansGesundheit und Krankheit nicht in derselben Weise, sondern siebehandelt die Gesundheit als das Naturgemäße, die Krankheitals das Naturwidrige. Ebenso bezieht sich auch der Wunsch innatürlicher Weise ans das Gute, in naturwidriger Weise aberauch aus das Nebel und man wünscht zwar von Natur dasGute, wider die Natur aber und in verkehrter Weise auch dasNebel. Jndeß ist die Verderbniß und die Verkehrung immergerichtet nicht aus das nächste Beste, sondern auf das Entgegen-gesetzte und das Mittlere, denn aus diesen kann man nichtherauskommen, wie sa auch der Jrrthum nicht aus das nächsteBeste gerichtet ist, sondern aus das Entgegengesetzte, soweit esein solches gibt, und zwar auf dasjenige Entgegengesetzte, welchesnach Maßgabe der Wissenschaft entgegengesetzt ist; so muß dennauch der Jrrthum und der Vorsatz von der Mitte aus demEntgegengesetzten zugewendet sein. Entgegengesetzt aber ist demMittleren einerseits das Zuviel, andrerseits das Zuwenig. Ursachedavon ist das Angenehme und das Unangenehme; es verhältsich nemlich so, daß der Seele das Angenehme als gut erscheint,und das Angenehmere als besser, dagegen das Unangenehme alsübel und das Unangenehmere als übler. Also ist auch hierausersichtlich, daß die Tugend und das Laster es mit der Lust undder Unlust zu thun haben. Sic beziehen sich nemlich ans das,was Gegenstand des Vorsatzes ist, der Vorsatz aber hat es zuthun mit dem Guten, dem Uebel und dem, was als solches er-scheint, dazu gehört aber von Natur die Lust und die Unlust.Also, da die sittliche Tugend an sich eine Mitte ist und esdurchaus mit Lust und Unlust zu thun hat, während das Lasterin einem Zuviel und Zuwenig besteht und zwar in Beziehungauf dieselben Dinge, mit welchen es die Tugend zu thun hat,so folgt daraus nothwendig, daß die sittliche Tugend ein Ver-halten ist, welches im Angenehmen und Unangenehmen die fürdas Subjekt geltende Mitte sich vorsetzt, soweit nemlich voneiner qualitativen Bestimmung des sittlichen Wesens in Verbin-dung mit Lust oder Unlust die Rede ist: denn mit einer solchen