45
sagen, daß man eben in diesem Fall stets freiwillig handle. Essteht ja frei, das Betreffende nicht zu thnn, sondern eben jenemLeiden sich zu unterwerfen. Und cs wäre vielleicht richtig, vonsolchen Handlungen die einen als freiwillig, die andern als un-freiwillig zu bezeichne«. Denn wo das Nichtsein dessen, wasan sich nicht sein soll, doch abhängt von dem Subjekt, da han-delt das Subjekt, auch wenn cs seinem Wunsch zuwider handelt,doch nicht gezwungen, sondern freiwillig; wo aber etwas derartnicht vom Subjekt abhängt, da ist in gewisser Beziehung immerGewalt, jedoch nicht schlechthin, sofern man nicht das selber thnnwill, was man thut, sondern cs nur um eines gewissen Zweckswillen thut, denn auch hier findet noch ein gewisser Unterschiedstatt. Wenn ich z. B. einen Andern tödte, damit er mich nichtunversehens berühre und stoße, so wäre es lächerlich zu sagen,ich sei zu dieser Tödtung gezwungen und durch Gewalt getrieben,vielmehr muß es ein größeres Uebel und eine größere Unlustsein, die man zu befahren hat, wenn man nicht so handelnwürde. Denn erst im letzteren Fall geschieht die Handlung unterdem Einfluß einer Gewalt und eines Zwangs und nicht nachder Natur, wenn man nemlich etwas Schlimmes thut um einesGutes willen oder um ein noch Schlimmeres abzuwendcn undzwar, wenn diese Handlung unfreiwillig ist, denn in diesem Fallist das Subjekt nicht unabhängig. Daher kommt es auch, daßManche die Liebe für etwas Unfreiwilliges erklären und ebensomanche Affekte und natürliche Verrichtungen, weil diese all-mächtig sind und die Natur überwältigen, und wir sind gegenalles dieses auch nachsichtig, weil wir voraussetzen, daß die Naturdagegen zu schwach ist. Doch wird mau anzunehmen haben,daß gewaltsames und unfreiwilliges Handeln mehr da stattfindet,wo es sich um Abwendung eines starken, als wo es sich umAbwendung eines unbedeutenden Schmerzes handelt, und über-haupt da, wo es sich um Abwendung eines Schmerzes handelt,mehr als da, wo eine Lust erzielt werden soll. Denn der Be-griff der Unabhängigkeit, auf welchen hier alles ankommt, beruhteben darin, daß die eigene Natur im Stand ist etwas zu er-tragen; ist die Natur nicht im Stand es zu ertragen und hängt